Das moderate Weitwinkelobjektiv im Einsatz

In Zusammenarbeit mit SIGMA

Wird im Internet über Weitwinkelobjektive diskutiert, ist meist die Rede von den UWW, den Ultraweitwinkeln, die an Kleinbild bei 11/12 mm beginnen und an APS-C Kameras bei 8 mm. Sie gelten als das Nonplusultra im Bereich der Weitwinkelobjektive. Diese meist Zoomobjektive decken dann den Bereich von 12-24 mm ab, sind meistens nicht besonders lichtstark (sie liegen so im Bereich f/4 oder f/5,6) und sind zugegeben oft tolle Objektive.

Abgesehen von der Lichtstärke ist es in diesem Brennweitenbereich sehr schwierig die zwangsläufig auftretenden Verzeichnungen und Verzerrungen völlig zu kompensieren, da diese sich über den Zoombereich oft auch noch verändern. Daher gelingt dies nicht in demselben Maße, wie bei Festbrennweiten.

Nun hat sich für mich die Gelegenheit ergeben, einer dieser neuen Festbrennweiten auf den Zahn zu fühlen, die im oberen Bereich der UWW angesiedelt sind, also an der Grenze zwischen Ultraweitwinkel und moderatem Weitwinkelobjektive.

Das SIGMA 28mm F1,4 DG HSM | Art schließt die Lücke zwischen den leichten Weitwinkelobjektiven im Bereich 35 mm und den Superweitwinkelobjektiven.

 

Nachfolgend habe ich mehr oder minder systematisch versucht, die für mich wichtigen Punkte zu testen, ich versuche bei deren Beschreibung gleichzeitig ausreichend allgemeine Informationen zu geben, die Du für Dich umsetzen kannst, wenn Du für Dich geeignete Brennweiten suchst.

Die Naheinstellgrenze

Weitwinkel zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie bezogen auf die mögliche Offenblende eine relativ große Schärfentiefe haben. So beträgt die Schärfentiefe bei einer Naheinstellgrenze von 30 cm bei einer Brennweite von 100 mm und f/2,8 ca. 2mm, bei einer Brennweite von 28 mm und f/2,8 sind es dagegen rund 1,7 cm (also mehr als das Achtfache). Das hier verwendete 28mm F1,4 DG HSM | Art von SIGMA hat laut technischen Daten eine Naheinstellgrenze von 28 cm.

Was bedeuten diese 28 cm? Sie werden nicht, wie viele irrtümlich annehmen, ab der Frontlinse gemessen, sondern ab der Sensorebene. Wo diese liegt, ist auf den meisten Kameras markiert (s. Foto)

Auf der Oberseite der Kamera findest Du eine Markierung. Sie zeigt Dir an, wo die Sensorebene liegt (roter Pfeil). Die Angabe der Naheinstellgrenze bezieht sich auf diese Sensorebene für den Abstand zum Motiv an der Naheinstellgrenze (blauer Pfeil). Sie wird nicht ab der Frontlinse gerechnet (grüner Pfeil).

Die Frontlinse des Objektivs liegt 16 cm von der Sensorebene entfernt. Im Umkehrschluss ergibt sich daraus: Du kannst Dich also mit der Frontlinse des Objektivs bis auf 12 cm dem Motiv nähern und kannst trotzdem fokussieren.

Für ein echtes Makro reicht die Naheinstellgrenze des SIGMA 28mm F1,4 DG HSM | Art sicher nicht aus, aber durchaus für eine Nahaufnahme, die gerade in der Vergrößerung schöne Details zeigt. Offenblende und Sonnenschein führen dabei die Verschlusszeit schon an die kritische Grenze
28 mm | 1/8000 Sek. | f/1,4 | ISO 100

 

Wie Du an dem Beispiel sehen kannst, ist die Schärfentiefe auch bei Offenblende ausreichend groß, um einen Großteil der Blüte scharf abzubilden und trotzdem klein genug, um den eher langweiligen und tristen Hintergrund über die eine Unschärfefreistellung mehr oder minder auszublenden.

Die Schärfe

Kein Objektiv ist bei Offenblende maximal scharf, dies wäre konstruktiv unmöglich, weil das insbesondere bei Offenblende aus allen Richtungen einfallende Streulicht diese Schärfe verhindert. Zwei bis drei Blendenstufen abblenden erhöht dagegen die Schärfe signifikant.

In der Bildmitte ist die Schärfe am größten. Ich habe daher ein Motiv testweise fokussiert, das viele feine Strukturen aufweist und drei Blendenstufen abgeblendet
28 mm | 1/80 Sek. | f/4 | ISO 100

 

Der 100%-Crop (1000 x 1000 Pixel) zeigt sehr feine Strukturen fast runter bis auf Pixelebene und wirkt in diesem Ausschnitt schon fast abstrakt. Genau dies macht den Reiz von Nahaufnahmen und Makro aus.

 

Anhand solcher Vergrößerungen und der dann sichtbaren Detailschärfe lässt sich die Qualität eine Objektivs gut beurteilen, ohne dass Du unbedingt irgendwelche Testcharts fotografieren musst, die Dir in der Natur kaum begegnen.

Aber auch in der Distanz erlaubt die Offenblende in einem gewissen Rahmen eine Bildgestaltung, wie nachfolgendes (recht einfaches) Beispiel zeigt, die Freiräume sind dabei deutlich größer, als bei Ultraweitwinkel.

Dieses zugegeben etwas triviale Beispiel reicht aus, um zu zeigen, dass bei der Brennweite von 28 mm eine Offenblende von f/1,4 durchaus Spielraum für Gestaltung mit Schärfentiefe zulässt.

Blende und Vignette

Eine große Offenblende gibt viel Spielraum bei der Belichtung. Die nachfolgenden Aufnahmen sind in einem dichten Wald entstanden. Trotz eigentlich Tageslicht kommt in einem Laubwald am Ende erstaunlich wenig Licht an. bei ISO 100 und f/1,4 verblieb immerhin noch 1/320 Sek. Bei f/5,6 reduzierte sich die Zeit schon auf 1/20 Sek. und kam damit in den kritischen Bereich, wenn Du ohne Stativ fotografieren möchtest.

Was Dir sicher auffällt, ist die Vignette (die dunklen Schatten in den Bildecken) bei f/1,4, die auch bei f/2 noch ganz leicht zu sehen sind. Sie haben mich nicht überrascht, denn sie sind konstruktiv bedingt. Durch den rechteckigen Ausschnitt des Sensors aus einem an sich Bildkreis liegen die Bildecken näher am Rand, als die anderen Bildränder und geraten in den Bereich, wo die Menge Licht abnimmt, die durch die offene Blende auf den Sensor fällt.

Dies ist aber kein Beinbruch. Da Du vermutlich die Fotos sowieso noch bearbeiten wirst, diese Vignetten sind mit ein bis zwei Mausklicks entfernbar. Software wie Photoshop und Lightroom (genauer der RAW-Konverter ACR) haben solche Funktionen implementiert und wenn Du alle Updates einspielst, sind meistens auch schon fertige Sets von Korrekturdaten für nahezu jedes aktuelle Objektiv vorhanden.

Auf der anderen Seite: Die Vignette hat auch Vorteile: Sie wird nicht selten künstlich zugefügt, da man mit ihrer Hilfe den Blick auf das Motiv lenken kann. Ich persönlich mag bei vielen Motiven solche Vignetten.

Landschaften und Panoramen

Ultraweitwinkel können zwar tatsächlich sehr weitläufige Landschaften gut einfangen, da sie einen sehr großen Bildwinkel haben, sie müssen aber diesen großen Bildwinkel trotzdem wieder auf den in der Größe gleichbleibenden Sensor bekommen, sie “leiden” dadurch ein wenig an der unnatürlichen “Verdichtung. Die Weite muss ja irgendwie in das Format 3:2 (4:3) passen, dadurch entstehen gerade in den Randbereichen deutliche Verzerrungen. Ich arbeite daher gern mit Panoramen, die ich aus mehreren Aufnahmen zusammensetze, um die Weite des Bildes dann auch den angemessenen Raum zu geben, die durch die Formatänderung entsteht (das Panorama verlässt das Verhältnis 3:2).

Ein aus acht Einzelaufnahmen (Hochformat zusammengesetztes Panorama in zylindrischer Projektion

 

Solche Aufnahmen lassen sich dann sehr gut auch Freihand machen, wenn keine Objekte im Vordergrund stehen, die dort sonst zu Fehlern in der Paralaxe führen können (in diesem Fall musst Du mit Stativ und einem Nodalpunktadapter arbeiten.)

Es reicht, wenn die einzelnen Fotos sich um ca. 25- 30% überschneiden, damit die Software sie verbinden und ausrichten kann. Damit die Belichtung nicht aus dem Ruder läuft, habe ich vorher den Bereich mit dem Belichtungsmesser der Kamera durchgemessen, mir die Werte gemerkt und aus dem hellsten und dem dunkelsten Messwert einen Mittelwert gebildet. Diesen Wert habe ich dann in M eingestellt. Dadurch habe ich auch die Blende fixiert, um zwischen den Fotos die Schärfentiefe nicht zu verändern.

In dieser Größenordnung sollten sich die Überlappungen für ein Panorama abspielen. Ich orientiere mich meist an den Gitterlinien im Sucher und bestimmten Marken im Motiv.

 

Wie unterschiedlich die Ergebnisse werden, zeige ich Dir nachfolgend an ein und demselben Motiv (allerdings zu unterschiedlichen Jahreszeiten aufgenommen), eine Aufnahme mit einem Ultraweitwinkel (Einzelaufnahme) und eine aus mehreren Aufnahmen gestitchte Aufnahme mit dem SIGMA 28mm F1,4 DG HSM | Art.

Einzelaufnahme mit dem SIGMA 12-24/F4 HSM Art

 

Panorama aus mehreren Einzelaufnahmen mit dem SIGMA 28mm F1,4 DG HSM | Art

Letztere Aufnahme hat in Summe viel mehr Details, da das Original am Ende eine Pixelbreite von rund 14.000 Pixel hatte und eignet sich damit für sehr detailreiche Ausbelichtungen.

Fazit

An Kleinbildformat ist 28 mm durchaus schon ein ordentliches Weitwinkel. Bei dieser Brennweite kommt es aber noch nicht zu den sonst bekannten tonnenförmigen Verzeichnungen. Diese Brennweite ist gut korrigierbar, gerade Linien bleiben gerade. Ist dann noch ein große Offenblende vorhanden, ist auch ein Bildstabilisator obsolet.

Für mich ergab sich auch in engeren Gängen und Gassen die Möglichkeit Motive sauber aufs Bild zu bekommen, ohne dass es dabei zu den sonst üblichen Verzeichnungen kam.

 

Fotokurs der fotoschule Premium

 

Im Kurs Technische Grundlagen von Objektiven gehen wir gezielt auf Begriffe wie Brennweitenverlängerung, Zerstreuungskreis, Crop-Faktor und Bildwinkel ein. Zugleich lernst Du die mechanischen und elektrischen Komponenten kennen, aus denen sich ein Objektiv zusammensetzt.

 

 

 

 

Wie hat Dir dieser Artikel gefallen?

2 Kommentare

  1. Ingrid Buenaventura
    Ingrid Buenaventura
      Mai 29, 2019 at 1:28 AM
    Kommentar bewerten

    Den Artikel finde ich positiv und interessant. Sicher ist das auch ein gutes Objektiv, mit dem man einiges machen kann. Ich möchte bei dieser Gelegenheit nur anmerken, dass ich es absurd finde, dass man heute für ein kleines Weitwinkelobjektiv, mag es auch noch so lichtstark sein, mehr zahlen muss als für die Kamera, die ja die ganze Arbeit macht. Man braucht ja auch noch andere Brennweiten. Wer soll denn das bezahlen? Was heute zum Teil für Objektive verlangt wird ist schon enorm!!
    Das nur so nebenbei. Wollte meinen Ärger mal los werden.

  2. Gerhard Habenberger
      Mai 28, 2019 at 11:34 PM
    Kommentar bewerten

    Ich arbeite für Landschaftsaufnahmen gerne mit dem Canon Zoom Lens EF-S. 10 bis 18 mm, 1:4.5 – 5.6. Bilder sind hervorragend. Wozu bei Tageslicht Lichtstärke 1.4 ? Preiswertes Objektiv. Ansonst Panoramaaufnahmen mit Sigma 18-200. Ich finde, ihr übertreibt manches.

Wie gefällt Dir dieser Lerninhalt?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Teile diesen Link mit einem Freund