Porträt und Brennweite (12 – 70 mm)

In Zusammenarbeit mit SIGMA
Die Grundlage für diesen Artikel ist die Frage:

„Ich fotografiere gern Porträt, welche Brennweite soll ich mir kaufen?“

Je nach Sichtweise ist diese Frage sehr einfach, oder auch sehr schwer zu beantworten. Es gibt typische Brennweiten, die gemeinhin als ideal für Porträt bezeichnet werden.

Faktisch liegt diese Zuordnung aber eher in der Vergangenheit begründet, als viele Kameras eben nur eine Brennweite hatten, als in den tatsächlichen Anforderungen an die Porträtfotografie.

Erinnere Dich an die Eingangsartikel zur Porträtfotografie und eine der Kernaussagen: „Ein Porträt bedeutet nicht einfach nur das Gesicht zu fotografieren, sondern in der Bedeutung des Wortes das Wesen eines Menschen zu erfassen, um ihn zu porträtieren.“ Du wirst daher bei den vielen folgenden Beispielen nicht nur Gesichter verschiedener Menschen sehen, sondern auch Ganzkörperansichten oder Teilkörper (aber immer mit Gesicht). Ab und an habe ich auch kleine Gruppen eingestreut. Weniger, weil sie in das Genre Porträt passen, als vielmehr um zu zeigen, wie anders die Wirkung spezieller Brennweiten ist, wenn man sich vom Modell entfernt.

Mehr Entfernung bedeutet dann eben auch mehr Modell auf dem Bild. Ich habe in meinen Archiven nach Fotos für alle typischen Brennweiten gesucht. Da ich nahezu alles aufbewahre, kann ich auch Fotos zeigen, die eben aufgrund der falschen Brennweite nicht gelungen sind, kann also auch die Nachteile bestimmter Brennweiten in bestimmten Situationen deutlich machen. Der Artikel wird in vier Bereiche aufgeteilt:

  1. Weitwinkel (12 – 24 mm)
  2. Normalbrennweiten (28 – 70 mm)
  3. Telebrennweiten (85 – 200 mm)
  4. Supertele ( > 200mm).

Bei der Einteilung habe ich mich an APS-C-Formaten orientiert. Bitte betrachtet aber die Grenzen nicht als Gesetz, sondern als fließend.

Beim MFT-Standard (Micro-Four-Thirds-Standard) sind sie eher kürzer, bei KB-Format (Kleinbild-Format) eher länger und wer noch eventuell Mittelformat fotografiert, empfindet sogar 50mm noch als Weitwinkel. Unter den Bildern findest Du nur den Hinweis auf das Kameramodell und die wesentlichen EXIF-Daten. Alles andere zu den Bildern entnimmst Du bitte den Fließtexten.

1. Weitwinkel – 12 – 24 mm

12mm
Canon EOS 5D III mit Sigma 12 – 24 (1. Version) | 12 mm | 1/400 sek. | f/5 | ISO 100

Weitwinkel zeichnen sich durch einen großen Bildwinkel aus, sind meistens nicht so lichtstark und haben konstruktiv bedingt eine große Schärfentiefe. Dies alles widerspricht nicht dem Einsatz als Porträtlinse.

Problematisch sind eher die Verzeichnungen und die wenig proportionale Darstellung. Deshalb steige ich auch gleich mit einem klassischen Beispiel in die Betrachtungen ein, das zeigt, warum Weitwinkel für Porträt so gar keine gute Idee sind. Die Proportionen des Gesichtes gehen völlig verloren, die Nase wird knollig der Kopf gleicht eher einem Ei als einem Kopf, Stirn und Kinn entfliehen im Bild förmlich nach hinten.

Übrigens keine Sorge, der junge Mann auf dem Foto weiß Bescheid und hat sein Einverständnis zu dem Foto gegeben, selbstbewusst, wie er ist.

Nun ist natürlich 12 mm an dem größeren Sensor schon eine harte Nummer, was Verzeichnungen anbetrifft und sollte daher tatsächlich für formatfüllende Aufnahmen von Gesichtern vermieden werden. Zumal Du für solche Aufnahmen auf dem Schoß Eures Modells sitzen müsstet.

Trotzdem kann man extreme Weitwinkel natürlich sinnvoll einsetzen, wenn man einige Dinge beachtet: Die Gesichter sollten eher in der verzerrungsarmen Bildmitte liegen und das Model Posen einnehmen, die die „Flucht“ der Verzerrung ausnutzen. Dazu habe ich Dir ein Beispiel herausgesucht.

Du siehst aber auch gleich den wesentlichen Nachteil: Aufgrund des riesigen Bildwinkels ist viel mehr Hintergrund drauf, als Du eigentlich willst und Du musst am Ende eventuell mächtig retuschieren. Ich habe Dir einfach mal beide Versionen in den Artikel geladen, wenn Du den Regler betätigst, siehst Du das Problem: [twentytwenty] 12mm_Studio_Original

Canon EOS 7D mit Sigma 12 – 24 (1. Version) | 12 mm | 1/125 sek. | f/8 | ISO 100
Canon EOS 7D mit Sigma 12 – 24 (1. Version) | 12 mm | 1/125 sek. | f/8 | ISO 100
[/twentytwenty] (Canon EOS 7D mit Sigma 12 – 24 (1. Version) | 12 mm | 1/125 sek. | f/8 | ISO 100)   Du siehst: Die Proportionen wirken gar nicht so verzerrt. Allerdings erkennst Du auch: Ein Studio ist für so kurze Brennweiten niemals groß genug.

Um Dir ein weiteres typisches Problem zu zeigen, habe ich eine kleine Serie gewählt, die mit einer EOS 50D (wieder Sigma 12-24mm 1. Version) bei 15 mm Brennweite entstanden ist. Im ersten Bild schau ich zu dem Modell auf, bei zweiten bin ich auf Augenhöhe, beim letzten Bild sehe ich von oben auf das Modell. Trotz gleicher Brennweite und gleichem Abstand wirken nur die ersten beiden Aufnahmen akzeptabel, die dritte dagegen unproportional.

Canon EOS 5D III mit Sigma 12 – 24 (1. Version) | 15 mm | 1/50 sek. | f/5 | ISO 400 | Blitz bei Av
Canon EOS 50D mit Sigma 12 – 24 (1. Version) | 15 mm | 1/50 sek. | f/5 | ISO 400 | Blitz bei Av

Wer sich aber traut auch unbequeme Positionen einzunehmen, wird gerade mit extremen Weitwinkel spannende Perspektiven finden, um die Mitmenschen zu porträtieren. Die Erkenntnis ist daher: Extreme Weitwinkel eigenen sich durchaus für das porträtieren von Personen, aber sicher nicht für ein klassisches Porträt.

Aber spinnen wir doch die Brennweitenreihe im Bereich der Weitwinkel weiter: Eine Brennweite von 18 mm bietet nun schon fast jedes KIT-Objektiv beim ersten Kamerakauf und ist daher eine durchaus vertraute Brennweite. Dieser Bereich lässt sich auch schon deutlich besser auskorrigieren.

Trotz großer Schärfentiefe lassen sich mit Weitwinkel trotzdem durchaus interessante Schärfeverläufe produzieren, wenn man die richtige Stelle fokussiert und sich dem Motiv ausreichend nähert (linkes Bild). Nach wie vor sind wir aber noch in einem Brennweitenbereich, der sich eher für Gruppen eignet (rechtes Bild) und in dieser Perspektive eigentlich keine Verzerrungen mehr sehen lässt.

Mit 24 mm, also am Ende des Weitwinkelbereiches, kommen wir in den Bereich, der dem klassischen Porträt schon näherkommt. Die Bilder wirken natürlich und unverzerrt, haben aber durch die Perspektive eine schöne Räumlichkeit, leiden aber insbesondere beim linken Foto ein wenig unter der großen Schärfentiefe.

2. Normale Brennweiten – 28 – 70 mm

Canon EOS 40D mit EFS 17-85 mm | 28 mm | 1/80 sel.| f/8 | ISO 100
Canon EOS 40D mit EFS 17-85 mm | 28 mm | 1/80 sel.| f/8 | ISO 100

Zugegeben, die 70 mm sind eigentlich schon etwas lang, um noch als Normalbrennweite zu gelten, gerade an den Kameras mit den kleineren Sensoren. Der Bereich 28 – 70 mm ist aber typisch für die „Universalzooms“ und die guten, großen Telezooms beginnen ab 70 mm (klassische Brennweitenbereiche sind da 70 – 200mm oder 70 – 300mm).

„Normal“ ist dieser Bereich, weil er in etwa unsere Sehgewohnheiten ohne Hilfsmittel abdeckt, sowohl vom Verhältnis Abstand zu Größe, als auch von der Perspektive her. Objektive in diesem Brennweitenbereich sind einfacher zu berechnen und zu konstruieren.

Festbrennweiten um die 50mm sind klein, kompakt, lichtstark zu einem vertretbaren Preis. Hinzukommt, dass Zoomobjektive häufig in diesem Brennweitenbereich bei mittleren Brennweiten um die 50 mm die wenigsten Verzeichnungen aufweisen. Das nebenstehende Beispiel wurde an der unteren Brennweitengrenze aufgenommen. In diesem Bereich ist die Schärfentiefe noch relativ groß, zudem war die Blende mit f/8 schon recht weit geschlossen, so dass der Hintergrund auch noch recht scharf abgebildet wurde. In diesem Fall ist es aber nicht tragisch.

Durch den Dunst und die damit einhergehenden eher flauen Kontraste zeichnet sich das Modell scharf und klar im Vordergrund ab und kann optisch vom Hintergrund getrennt werden.

Der untere Bereich der Brennweite hat den Vorteil, dass Du auch unter beengten Verhältnissen noch ausreichend viel Motiv auf das Bild bekommt (s. linkes Bild), Du aber auch schon näher an das Modell herantreten könnt, ohne dessen „Fluchtdistanz“ zu unterschreiten.

Zudem bieten Brennweiten um 28 mm schon gute Lichtstärke, das verwendet 28/1,8 ist sicher von der Geschwindigkeit eher lahm, aber sehr scharf und f/1,8 reichen auch bei 28 mm schon für eine sehr schöne Unschärfefreistellung (s. rechts Bild).

Canon EOS 50D mit EFS 18-55 mm | 28 mm | 1/250 sek. | f/10 | ISO 100
Canon EOS 50D mit EFS 18-55 mm | 28 mm | 1/250 sek. | f/10 | ISO 100

Für ein reines Porträt (viel Gesicht) sind 28 mm aber trotzdem noch grenzwertig. Du kannst an nebenstehendem Beispiel sehen, dass das Foto soweit ok ist, aber irgendwie doch nicht harmonisch wirken will. Der Grund liegt immer noch an der etwas zu stark verzerrenden Perspektive, weil die Kamera zu nahe am Modell ist. Ab 35 mm wird es dann bei fast allen Formaten „normal“. Die Proportionen wirken gefällig und auch bei engeren Ausschnitten fühlt sich das Modell nicht gleich durch zu große Nähe belästigt.

35mm
35mm

Die größte Bandbreite hat für mich allerdings immer noch ein Objektiv mit 50 mm und großer Lichtstärke (üblich sind f/1,8 oder f/1,4. Teilweise gibt es aber sogar Linsen mit f/1,2 oder f/o,95), wobei auch die neuen 40mm Pancake-Objektive eine durchaus gute Figur zu vernünftigen Preisen machen. Nachfolgend habe ich Dir mal eine kleine Galerie zusammengestellt, die alle mit 50 mm-Objektiven gemacht wurden. Die Bilder entstanden in verschiedensten Situationen, also im Studio und Outdoor, bei Regen und in der Sonne, mal nah dran, mal weiter entfernt. Mal komplett mit Offenblende, aber auch deutlich abgeblendet. Du kannst im direkten Nebeneinander sehen, dass eine Festbrennweite viel flexibler ist, als so mancher denkt.

Damit übrigens keine Zweifel aufkommen: Männer geht natürlich auch mit 50mm, allerdings solltest Du da ein wenig Abblenden und nicht gerade mit Offenblende arbeiten, Weichzeichner kommt bei Männern selten wirklich gut.

EOS 50D EF 50/1,4 | 1/60 sek. |f/2,8 | ISO 320
EOS 50D EF 50/1,4 | 1/60 sek. |f/2,8 | ISO 320

Zum Abschluss gehen wir an die obere Grenze der „Normalbrennweite“ also in Richtung 70 mm.

Du siehst drei höchst unterschiedliche Aufnahmen.

In der linken Barszene verdichtet die leichte Telewirkung der 70 mm die Szenerie und lässt sie damit „intimer“ wirken. Zudem kann der Fotograf ausreichend Abstand halten, um dem Spiel der Modelle Raum zu geben. Im mittleren Bild wirken die Proportionen schön, der Abstand zum Modell stört den „in die Ferne“-schweifenden Blick nicht. Das rechte Bild ist ein Beispiel, wie man durch die Wahl der Brennweite Nähe schaffen kann, ohne dem Modell zu nahe zu kommen.

Für heute soll es mit den Beispielen reichen.

Wir hoffen, dass Du aus den vielen Beispielen Anregungen mitnimmst. Während Du Dir diesen Artikel zu Gemüte führst, werden wir viele Porträts heraussuchen, die mit Brennweiten im Bereich 70 bis 400 mm gemacht worden sind. Das mag jetzt für Dir erstaunlich klingen, aber ja, man kann mit 400mm Porträt machen. Ganz ausgezeichnet sogar, es gibt auch gute Gründe diese Brennweiten dafür zu verwenden. Du darfst gespannt sein.

Du möchtest Dein Fotowissen vertiefen?

Lerne jetzt unser neues Kursangebot kennen!



Wie hat Dir dieser Artikel gefallen?

2 Kommentare

  1. Andreas
      Dezember 25, 2018 at 11:15 AM
    Kommentar bewerten

    Toll erklärt. Ich selber habe großen Respekt vor Porträfotografie. Ich versuche mal die Tips umzusetzen. Freue mich auf das Ergebnis.

  2.   März 31, 2016 at 5:46 PM
    Kommentar bewerten

    Großartiger, weil verständlicher und hilfreicher Artikel. Die Beispielbilder sind eine wirklich große “Versteh-Hilfe”. Danke sehr!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Teile diesen Link mit einem Freund