Fotograf marenostrum im fotocommunity-Interview

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Fotograf marenostrum erzählt uns im fotocommunity-Interview wie ihn die Schwarz-Weiß-Fotografie geprägt hat, was ihm bei der Aktfotografie wichtig ist, und wie seine Haltung zur Rolle des Individuums seine fotografischen Werke beeinflusst. Mit Wortgewandtheit und Tiefsinn gelingt es ihm verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen seinerseits zu erläutern und uns Leser seine Welt der Fotografie näher zu bringen. Lies‘ selbst, und freu Dich auf einen spannenden Vorgestellt-Beitrag mit mareonstrum.

 

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Was ist Dir bei der Aktfotografie besonders wichtig?

In der von mir bevorzugten künstlerischen Aktfotografie geht es mir um das Unverhüllte, im wahrsten Sinne des Wortes Nackte. Das heißt, das Unverstellte und Unmittelbare. Es geht mir dabei nicht um das Arrangement oder die gewollte Pose, die beim Betrachter eine bestimmte Reaktion hervorrufen soll. Auch nicht um den Körper als Ausdruck einer bestimmten Befindlichkeit, sondern um den Körper als originären Ausdruck menschlicher Existenz. Dieser expressive Ausdruck schließt dabei Ästhetik und einen ursprünglichen Begriff von Schönheit nicht aus, bleibt aber nicht bei diesen stehen. Daneben sind es die Linien und Formen, die in der Wahl entsprechender Perspektiven einzigartige Bildkompositionen ermöglichen wie ansonsten höchstens noch die Landschaftsfotografie. Aber ich bin kein Purist. Nicht nur aber auch in der Aktfotografie experimentiere ich auch gerne – von konzeptionell bis surreal.

 

„nackter torso“

Du nennst ein Zitat von Man Ray, in dem es um das Ausstellen intimer Werke geht. Kannst du uns genauer erklären, wieso Du dieses Zitat für Deine Info gewählt hast?

Meine Fotografie folgt weniger dem geplanten Kalkül, sondern realisiert sich oftmals erst in dem unmittelbar bevorstehendem Augenblick der Aufnahme, ist also oftmals weniger gelenkt durch Planung oder Drehbuch. Die spontane Idee, der unmittelbare Einfall, der momentane Blick, also eher etwas aus dem Inneren heraus als Verstand und Überlegung liegen meinen Fotografien zugrunde und das gilt sowohl für die Aktfotografie wie auch für die Landschaftsfotografie. Insofern habe ich tatsächlich oft das Gefühl, mit meinen Fotografien Geheimnisse von mir preiszugeben und bediene mich gerne etwas augenzwinkernd dieses Zitats von Man Ray.

 

„pictorialism“

In Deiner Info spielst Du darauf an, dass wir Menschen lieber Bilder, als die Realität betrachten. Wieso ist das Deiner Meinung nach so?

Sich der Realität zu stellen bedeutet stets auch sich unmittelbar mit ihr auseinandersetzen zu müssen, da gibt es kein Entrinnen. Das gilt auch für den Blick in den Spiegel. Gerade das Smartphone ermöglicht es uns heutzutage aber jederzeit ein Bild zu machen ohne uns mit der Realität des schnell fotografierten Augenblicks tatsächlich auseinandergesetzt zu haben. Derjenige, der mit seinem Handy den Unfall fotografiert, erspart es sich, sich mit der Realität des Geschehens zu konfrontieren und kann seine Distanz behalten und das gilt entsprechend auch für das Selfie, welches mit einem Click bei Nicht-Gefallen auch wieder gelöscht ist. Tatsächliche, unmittelbare Fotografie dagegen, und das gilt nicht nur für die Reportage-Fotografie, zwingt uns, sich mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen.

„the body“

Überwiegend fotografierst Du in Schwarz-Weiß. Was gefällt Dir an der Schwarz-Weiß-Fotografie?

Das ist weniger eine Frage des Gefallens, als der Prägung. Als Kind in den fünfziger Jahren habe ich die Fotografie als Spiel von Licht und Schatten in der Dunkelkammer meines Großvaters kennengelernt, wenn sich in der Entwicklerschale die Schwärzen allmählich aufbauten und so lernte ich früh, fotografisch schwarz-weiß zu sehen. Analog oder digital, meine Fotografie ist schwarz-weiß geblieben und setzt damit zwangsläufig andere, insbesondere auch andere kompositorische Akzente, als es die Farbfotografie tut. Dazu kommt aber auch, dass die schwarz-weiß Fotografie gerade in der analogen Fotografie, die mich nach wie vor fasziniert, ohne übermäßigen technischen Aufwand kreativ und auch experimentell leichter zu betreiben ist.

 

„Portrait d’une femme“

Deine Fotos kreieren oft eine etwas düstere, mysteriöse Atmosphäre. Wieso verbindest Du genau diese Atmosphäre mit der Kategorie Akt?

Statt mysteriös würde ich eher „mehrdeutig“ sagen wollen, es geht mir nicht um etwas Geheimnisvolles. Gerade mit der Kategorie „Akt“ verbindet sich so viel wie z.B. Sexualität und Leben, Einsamkeit und Verletzung, Geborgenheit und Nähe, Ausgeliefertsein und Schutzlosigkeit, ohne dass hier immer Eindeutigkeiten oder klare Gegensätzlichkeiten zu finden sind, es sei denn, man bleibt bemüht in scheinbarer Eindeutigkeit oberflächlich. Düster erscheint es dann, wenn das Schwarz das Licht zu dominieren scheint, wobei es doch immer das Licht ist, welches zu erkennen gibt, ohne den mitunter auch melancholischen Blick aufzuheben.

 

„kniefall“

Wie kamst Du überhaupt zur Aktfotografie und was fasziniert Dich am meisten an dieser Richtung?

Als Jahrgang 1948 bin ich durch die Jahre 1968 und die Zeit danach stark beeinflusst worden, in der die Jugend sich unter anderem mit kleinbürgerlicher Sexualmoral auseinandersetzte und den freien Umgang mit dem nackten Körper für sich als Gegenmodell in Anspruch nahm. Die Entdeckung von Fotografinnen und Fotografen, die Akt fotografierten gab mir den Anschub, selbst auf diesem Gebiet zu arbeiten. Dabei ging es um , von Herlinde Koelbl über Robert Mapplethorpe bis zu Bill Brandt und vielen anderen. Ernsthaft und systematisch Akt fotografiert habe ich aber erst, als ich durch die Bekanntschaft und Freundschaft mit anderen Fotografinnen und Fotografen und Personen gemeinsam entwickelte Ideen realisieren konnte und nicht auf anonyme Modelle angewiesen war.

 

„Porträt Ch.“

Hin und wieder blitzen auch Abbildungen von Landschaft und Architektur auf Deinem Profil auf. Was sind die hauptsächlichen Unterschiede, wenn Du Akt oder Landschaft/Architektur fotografierst?

Der hauptsächliche Unterschied besteht darin, dass Landschaft, Objekt oder Architektur anders mit mir kommunizieren als das lebendige Aktmodell. Somit ist der „input“ ein anderer. Die Aktfotografie ist sehr viel dynamischer. Das gewonnene und letztlich festgehaltene Bild setzt sich aus einer Reihe von Einzelwahrnehmungen zusammen. Deshalb wird es von mir auch oft als Serie fotografiert, aus der dann die einzelne Aufnahme herausgenommen wird. Dagegen nehme ich die Landschaft eher ganzheitlich, in einer langsam fließenden Weise wahr, weshalb ich hier auch gerne mit der „langsamen“ Großbildkamera analog fotografiere. Aber immer geht es darum, den Ausschnitt, Licht, Schatten und Perspektive zu finden, die die Fotografie zu einem Bild machen.

 

„nighttime“

 

Wie wichtig ist es Dir den Akzent auf das Individuum in der Aktfotografie zu setzen? Welche Akzente stellst Du gerne in den Fokus?

Das ist ganz unterschiedlich. Das Individuum, nicht das austauschbare Model, steht wie bei der Porträtfotografie auch beim Aktporträt ganz im Vordergrund. Bei mir allerdings nicht unbedingt mit dem vermessenen Anspruch, der abgelichteten Person in seiner einzigartigen Individualität gerecht zu werden. Sondern vielmehr mit dem Anspruch, meine eigene unmittelbare Wahrnehmung von meinem Gegenüber unverfälscht wiederzugeben. Dafür ist eine bestimmte Form der Beziehung, die sich spätestens beim Fotografieren herstellen muss, Voraussetzung. So, wie beim Aktporträt die fotografierte Person selbst sich nackt zeigen muss ohne unbedingt viel Nacktheit zeigen zu müssen. Bei der Körperfotografie im engeren Sinne tritt das Individuum allerdings zurück hinter dem Versuch, mit der Darstellung des einen Körpers etwas Allgemeingültiges auszudrücken.

 

Manchmal erkennt man eine leichte Weichzeichnung in mancher Deiner Werke. Worauf achtest Du besonders bei Weichzeichnung und welche Rolle spielt Weichzeichnung allgemein für Dich in der Fotografie?

Im allgemeinen neige ich dazu, Strukturen eher zu betonen. Auch und gerade in der Personenfotografie verzichte ich in der Regel auf jegliche Beauty-Weichzeichnung oder Retusche der Hautstrukturen. Weichzeichnung kann aber auch die Flächen und Kontraste betonen und als Ausdrucksmittel mit starker grafischer Wirkung eingesetzt werden.

 

Inwiefern hilft die fotocommunity Dir Dich in der Fotografie weiterzuentwickeln?

Durch die fotocommunity habe ich die Personen kennengelernt, die meine fotografische Entwicklung gerade auch auf dem Gebiet der Aktfotografie wesentlich mit bereichert haben. Sowohl sowohl in der direkten Begegnung aber auch durch die Auseinandersetzung mit deren Arbeiten. Bei der täglichen Flut von ca. 80 Millionen Fotos allein bei Instagram verhilft einem die fotocommunity neben dem Austausch auch dazu, eine gewisse Konzentration und einen gewissen Überblick in der Bilderflut zu behalten ohne den Blick auf die Entwicklung der zeitgenössischen Fotografie aufgeben zu müssen.

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