fotocommunity Fotografin Esther Margraff im Interview

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Heute im Interview: Esther Margraff, eine Fotografin die in der fotocommunity durch atemberaubende Bildbearbeitung und spannende Motive besticht. Freu‘ Dich auf spannende Einblicke in Esthers Arbeit:

„Ich lebe im deutschsprachigen Ostbelgien, bin ziemlich genau in dem Alter wo man laut Udo Jürgens kein bisschen weise ist, und bin Kunsterzieherin im Ruhestand.

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Nebenbei habe ich jahrelang und sehr leidenschaftlich, verrückte Stühle aus Polyester gestaltet. Nikki de St Phalle war mein großes Vorbild dabei.

Schon in der Schule war mein größtes Anliegen die Fantasie und die Kreativität der Schüler zu fördern, frei nach Einsteins Motto: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“. Für mich ist Fantasie etwas sehr Elementares, die Basis des Schöpferischen und ein großer innerer Reichtum für den ich sehr dankbar bin. Ich bin auch der festen Meinung, dass jeder Fantasie trainieren kann. Es hat mit loslassen zu tun. Man muss Dinge auf den Kopf stellen, auseinandernehmen und neu zusammensetzen, gewohnte Pfade verlassen, neue Wege einschlagen. Auch scheitern gehört dazu.

Mit der Fotografie beschäftige ich mich, seitdem ich mich 2004 in der FC eingeschrieben habe um einer Freundin einen Kommentar zu hinterlassen. Mir waren die Konsequenzen damals nicht bewusst :o). Ziemlich zeitgleich habe ich mir eine kleine Fuji-Kamera angeschafft, die erste digitale für mich und der Beginn einer neuen großen Leidenschaft.“

 

Deine Bildbearbeitung ist sehr beeindruckend. Wie schaffst Du es mithilfe der Bildbearbeitung solche Werke zu erschaffen?

Die meisten Bilder sind Fotomontagen. Oft sind sie sogar eine Mischung aus synthetischem und realen Foto. Grundbedingung eines Bearbeitungsprogramms ist, dass es mit Ebenen arbeiten kann. Ich persönlich arbeite mit Corel Photo-Paint. Aus beruflichen Gründen hatte ich mir schon sehr früh das Corel Grafikpaket angeschafft. Anfangs habe ich für die Schule eigentlich nur das Grafiktool benutzt. Mit dem Kauf meiner kleinen digitalen Kamera wurde dann aber auch das Fototool interessant. Meine erste Version war Corel 4. Sie ist 1993 erschienen. Ich arbeite also schon seit fast 28 Jahren mit Corel und habe zwar immer upgedatet aber nie gewechselt: das beste Programm ist schließlich das, das man beherrscht. Und wie schon erwähnt: zusätzlich arbeite ich mit 3D-Programmen, die synthetische Bilder erstellen. Mein Hauptprogramm ist dabei Vue xStream. Damit kann man vor allen Dingen künstliche Landschaften generieren.

"VIP" von Esther Margraff
„VIP“

Deine Bilder weisen eine hohe Kreativität auf. Wie sammelst Du Ideen für Deine Fotos?

Meine Ideen stehen nicht am Anfang der Bilder. Ich habe eigentlich so gut wie nie ein Konzept im Kopf. Da beneide ich andere drum. Ich fotografiere bei allen möglichen Gelegenheiten: im Urlaub, bei Straßenfesten, bei Shootings mit FC-Freunden oder einfach so. Später lasse ich einzelne Bilder am PC dann auf mich wirken. Häufig ist es so dass mich eine Bewegung inspiriert, sei sie noch so klein und dann überlege ich was sie erzählen könnten. Paradebeispiel ist da wohl die Erbsenzählerin. Die Tänzerin habe ich bei einem Straßenfestival fotografiert. Ich habe mich gefragt was die Bewegung der Finger wohl erzählen könnte und habe ziemlich spontan an eine Erbsenzählerin gedacht. Schwupps war die Idee da. Ich lasse mich gewissermaßen von meinen eigenen Bildern überraschen, sie zwinkern mir irgendwie zu.

"Schweigen" von Esther Margraff
„Schweigen“

Welche Rolle spielen Formen in der Erstellung deiner Werke?

Man findet in der Tat oft schwarz-weiße Elemente (Formen oder Flächen) in meinen Werken. Das ist ein Stilmittel das ich mir bei Niki de St Phalle abgeschaut habe. Sie hat das oft eingesetzt um ihren bunten Werken den Kitsch zu nehmen und um ihnen einen grafischen Touch zu verleihen. Und auch bei den Surrealisten sind schwarz-weiße Elemente ziemlich beliebt. Das trifft sich gut, denn ich bin ja auch meistens ziemlich surreal unterwegs.

 

Wie genau läuft der Prozess zu der Fertigstellung eines Bildes ab?

Der Prozess kann von einem Bild zum anderen sehr unterschiedlich sein, aber ich kann mal anhand eines Bildes einen möglichen und für mich gängigen Prozess schildern.

Bei dem Bild „Rhapsodie für einen Raben“ z. B., habe ich zuerst mit Corel Photo-Paint das Model von seiner Umgebung isoliert und ein separates Objekt draus gemacht. Ich habe mich gefragt für wen sie spielen könnte und bin auf die Idee mit dem Raben gekommen. Den Raben, den ich bei uns vorm Haus mit Fernauslöser fotografiert habe, habe ich auch freigestellt und es war mein 2. Objekt. Jetzt musste noch was Verrücktes passieren. Da brauche ich nur mein 3D-Programm anzuschmeißen und es passieren immer verrückte Dinge!

"die fleißige Erbsenzählerin" von Esther Margraff
„die fleißige Erbsenzählerin“

 

Das Arbeiten mit 3D-Programmen

Hintergrund und Stühle habe ich dann auch mit Vue xStream erstellt. Ich arbeite schon ziemlich lange mit 3D- Programmen. Sie erlauben mir Objekte oder ganze Landschaften zu erstellen die ich so in meinen Archiven nicht habe. Oder aber ich versehe gewisse Dinge mit unüblichen, oft eigenen Texturen, das hat meistens überraschende Wirkung, wie zum Beispiel bei den Teppichbergen. Bei der Erstellung meiner synthetischen Hintergründen muss ich allerdings von den Lichtverhältnissen meines gegebenen Hauptobjekts, die Violinistin hier, ausgehen.

Vor jeder Fotomontage steht immer eine gründliche Analyse. Von wo scheint die Sonne, wohin fällt der Schatten, wie hart oder auch weich ist das Licht. Das kann ich dann alles in meinem 3D-Programm nachstellen. Je näher ich mich am Ausgangselement orientiere, je homogener wird mein Bild ausfallen. Um noch besser täuschen zu können, stelle ich in meine 3D-Szene Platzhalter für die Figuren die ich später einfügen werde. So errechnet das Programm mir einen korrekten Schatten. Die synthetische Figuren werden später durch mein fotografierten Modelle ersetzt.

"Achtsamkeitstraining" von Esther Margraff
„Achtsamkeitstraining“

Mit Photo-Paint kombiniere ich dann alle Elemente zu einem neuen Bild. Mit einer neutralen grauen Ebene im Überlagerungsmodus, korrigiere ich mit Dodge und Burn noch ein wenig Licht und Schatten. Nach dem Verrechnen aller Ebenen, werden noch mal alle Ränder nachgeschaut, manchmal hat man unschöne Säume, die ich dann Pixel für Pixel retuschiere.

Am Schluss wird das Bild noch ein wenig mit den geliebten Nik-Filtern bearbeitet, um dem Ganzen einen gewissen Touch zu geben.

 

Deine Werke wirken lebendig, auch wenn vieles von „unserer“ Realität abweicht. Wie bringst Du Bewegung und Aktivität in Deine Fotos?

Ich glaube das liegt daran dass der Mensch im Mittelpunkt meiner Arbeit steht und ich mich von seinen Bewegungen einfach inspirieren lasse.

Im Moment bin ich Corona-bedingt wesentlich statischer unterwegs, wie man an meiner Tischserie erkennen kann. Aber selbst an diesem Tisch waren es vor allen Dingen die krummen Beine die mich inspiriert haben :o)

"an der Zebraküste.." von Esther Margraff
„an der Zebraküste…“

Manchmal tauchen in Deinem Profil Fotos auf, die nicht unter die Kategorie Digiart fallen und sehr realitätsnah wirken. Wann entscheidest Du Dich dafür, dass Du ein Foto realitätsnah zeigen möchtest.

Ich weiß nicht genau an welche Bilder Du da denkst, vielleicht an meine Streetbilder. Ja, die Realität ist oft komischer und surrealer als jede Fotomontage. Das ist dann der absolute Glücksfall. Paradebeispiel sind dafür diese knochenfarbenen Kühe mit den entgeisterten Blicken zwischen all den bekloppten Verkehrsschildern. Sowas kann man sich vermutlich selbst unter Drogen nicht selber herbeifantasieren.

 

Welche Rolle spielt Reisen für dich in der Fotografie?

Naja, wie für alle natürlich um Erinnerungen einzufangen, aber auch um Material zu sammeln für meine Fotomontagen. Frankreich ist mein Lieblingsland, nicht nur wegen  des guten Essens und der tollen Autobahnen, sondern weil das ganze Land eine einzige Kulisse ist. Ich liebe diese sichtbaren Spuren der Zeit, die den Dingen und den Orten einen besonderen Charme und eine zusätzliche Dimension verleihen.

"der Playboy" von Esther Margraff
„der Playboy“

Welche Tipps würdest du Anfängern geben, die sich im Bereich Digiart verbessern möchten.

Mein erster Tipp wäre an den monatlichen Digiart-Challenges teilzunehmen!! Es beflügelt die Fantasie, wenn man von einem vorgegebenen Thema oder Gegenstand ausgehen muss. Man ist gezwungen originell und in alle Richtungen zu denken, Sachen zu zerlegen und sie neu zusammenzusetzen, ganz abgesehen natürlich von den technischen Anregungen die man dort bekommt. Ich habe der Digiart-Challenge alles zu verdanken!!

Ein weiterer Tipp wäre möglichst bei bedecktem Himmel zu fotografieren. Dann stehen Licht und Schatten einem deutlich weniger im Wege und man kann die Dinge besser miteinander kombinieren und das Licht leichter umpinseln.

Und wie schon oben erwähnt: jedem Composing geht eine gründliche Analyse voraus. Woher kommt das Licht, wie hart ist es, passen die Kontraste, die Temperatur, die Sättigung, die Perspektive, die Schärfe? Alles sollte aufeinander abgestimmt sein. Oder aber es ist ein bewusstes Stilmittel mit Brüchen zu arbeiten, dann aber muss die Intention auch klar erkennbar sein.

"die pingelige Architektin" von Esther Margraff
„die pingelige Architektin“

Welche Rolle spielt die fotocommunity in deiner Begeisterung für die Fotografie?

Erst mit der Fotocommunity hat bei mir die Begeisterung für Fotografie angefangen! Als ich keine „richtigen“ Fotos mehr hatte um meinen sehr zufälligen Account zu beleben, habe ich angefangen zu basteln und mich irgendwann getraut an der Digiart-Challenge teilzunehmen. Zuerst mit sehr mäßigem Erfolg, aber die Arbeiten der anderen Teilnehmer haben mich total motiviert und ich wollte unbedingt besser werden. Das habe ich dann auch geschafft und mehrmals gewonnen. Mehr Motivation geht nicht. Hinzu kommen viele persönliche Freundschaften die hier entstanden sind, über viele Grenzen hinaus. Die möchte ich nicht missen, denn sie sind immer inspirierend und ich lerne immer von anderen Usern dazu. Das ist ja auch der Sinn eines Fotoclubs.

 

Was sind besondere Projekte oder Ziele für deine fotografische Zukunft, die Du vor dir siehst?

"Rhapsodie für einen Raben" von Esther Margraff
„Rhapsodie für einen Raben“

Zuerst will ich meine Tischserie noch weiterspinnen. Mein persönlicher Challenge sozusagen.

Ansonsten ist das mit den Projekten wie mit meinen Bildern: ich lasse mich einfach überraschen…

Die Dinge entwickeln sich oft von alleine. Letztes Jahr habe ich mir einen neuen Computer angeschafft. Es war ein Drama und ich habe viele graue Haare bekommen und stand kurz davor das Ding aus dem Fenster zu schmeißen. Auch jetzt funktioniert noch einiges nicht so wie ich will.

Dafür macht mir mein I-Pad aber immer mehr Spaß und zusammen mit den Programmen Snapseed und Procreate, ist das wirklich eine kleine Kreativmaschine. Kleine surreale Animationen herstellen wäre da so ein Traum. Da stehe ich aber noch komplett am Anfang, vielleicht wird auch nie was draus, aber wenn doch, dann hoffe ich, dass es bis dahin in der FC eine eigene Kategorie dafür gibt :o)

 

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