fotocommunity Fotograf Heribert Niehues im Interview

Heribert Niehues im Interview
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Fotograf Heribert Niehues

Beim Betrachten der Fotos von fotocommunity Fotograf Heribert Niehues fühlt es sich an, als würde man abtauchen in einen Kultfilm in den USA: Ewig weite, verlassene Landschaften, Autos am Wegesrand, Oldtimer, die durch die Straßen brausen. Wer aber denkt, dass Heribert einfach nur Landschaften knipst, der täuscht sich. Besonders die kleinen mysteriösen Details am Wegesrand sind das, was ihn wirklich begeistert: Liegengebliebene Oldtimer, alte „Road Stop“-Cafés oder verlassene Tankstellen. Genau dieser Blick fürs Detail kreiert die Filmatmosphäre, die man direkt spüren kann, wenn man seine Fotos genauer betrachtet! Auch Menschen hat Heribert gerne vor der Linse. Besonders viel Leidenschaft hat er aber für Oldtimer. Sein Buch „Rost In Peace“ zeigt diese Kult-Autos der Vergangenheit.

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Heribert schafft durch seine Werke also eine ganz besondere Atmosphäre, die den Betrachter sofort in den Bann zieht. Schon seit den Siebzigerjahren ist Heribert leidenschaftlicher Fotograf. Damals fotografierte er noch am liebsten analog, hat dann aber irgendwann zur Digitalfotografie gewechselt. Sein Blick dafür, verlassene Szenerien einzufangen und ihnen etwas Besonderes zu verleihen, hat uns dazu bewegt ihn für unser Vorgestellt-Format zu interviewen. Im Interview gab er uns interessante Einblicke in seine Welt der Fotografie:

Du berichtest, dass Du damals lange analog fotografiert hast. Wie hast Du den Wechsel zur Digitalfotografie erlebt?

Tatsächlich habe ich mich mit der Umstellung schwer getan, hatte mir im Jahr 2005 sogar noch eine neue analoge Nikon F6 gekauft. Ich war immer von der Qualität eines guten Dia-Films und von selbst entwickelten SW-Fotos überzeugt. Auch, weil ich mit den SW-Fotos mehrere internationale Fotowettbewerbe gewonnen hatte und sehr viele Fotos im Wettbewerbs-Magazin der „COLORFOTO“ platzieren konnte. Das versenden von Fotos per Mail, das immer mehr zum Standard wurde, hat mich praktisch zum Umdenken gezwungen. Mit kleinen und günstigen Digitalkameras habe ich den Wechsel eingeleitet, bei guten Motiven aber parallel weiterhin analoge Fotos gemacht. Nach und nach, auch mit besseren Digitalkameras und den Möglichkeiten der Bildbearbeitung kam die Einsicht zum vollständigen Wechsel. Inzwischen bin ich von den Chancen der Digitalfotografie begeistert, schaue mir die alten analogen Kameras in der Vitrine aber immer wieder gerne an.

Überflieger 1960

Was begeistert Dich an den USA und wie dient dieses Land als tolle Grundlage für Deine Fotos?

Schon vor Beginn meiner Fotografie war ich begeistert von amerikanischen Roadmovies. Frühe Filme wie „Easy Rider“ oder „Two Lane Blacktop“ haben mich neugierig auf dieses Land gemacht. Nach „Thelma & Louise“ und „Rainman“ wollte ich 1989 die erste USA-Reise nicht länger aufschieben. Dass daraus fast eine „Sucht“ wurde, hätte ich auch nicht vermutet. Inzwischen war ich 33x in den USA. Die Begeisterung war schon am ersten Tag der ersten Reise spürbar. Kaum hatte ich die Großstadt Los Angeles Richtung Osten verlassen, kam die große Einsamkeit in der Mojave- und Sonora-Wüste. Diese dünn besiedelten Landstriche hatten mich als Europäer sofort fasziniert, ein bisher nicht gekanntes Gefühl von unbegrenzter Freiheit setzte bei mir ein. Da die US-Amerikaner in diesen Regionen viel Platz haben, bleiben ihre ausgedienten Autos dort stehen, wo sie nicht unmittelbar stören. Für mich als Oldtimerfan ein Eldorado an Motiven, die ich auf Dia- und SW-Filmen festhalten konnte und, die schnell zu meinen Lieblingsmotiven wurden.

Man erkennt in Deinen Werken Deine Vorliebe für das Motiv der Oldtimer. Wie stellst Du diese besonderen Fahrzeuge am liebsten in Deinen Fotos dar?

Einen Oldtimer formatfüllend ins Bild zu nehmen oder Autos im Museum abzulichten ist nicht mein Ding. Es sollten schon weitere interessante Punkte mit ins Motiv einfließen. Ob es nun an einer verlassenen Tankstelle, in schöner Landschaft, in wilder Natur oder an Lost Places – wie z. B. einer aufgegebenen Farm – ist. Das Motiv soll nicht auf das vergessene Automobil begrenzt sein. Besonderes Augenmerk lege ich auf Motive, die bisher nicht im Netz zu finden sind und von keinem Fotografen entdeckt wurden. Dabei bin ich oft mehr der begeisterte Entdecker als der Fotograf. In vielen Fällen ist mir das gelungen, zumal etliche der von mir fotografierten Oldtimer oder alten Tankstellen schon gar nicht mehr existieren. Ohnehin sehe ich meine Fotos nicht als Kunst, sondern als Dokumentation an.

Andere Länder, andere Schlitten

Welche Fotoeinstellungen verwendest Du, wenn Du ein fahrendes Auto einfangen möchtest?

Let The Music Play

Vielleicht als ein Überbleibsel aus der analogen Zeit fotografiere ich grundsätzlich nie mit der Programmautomatik. Standardmäßig verwende ich die Zeitautomatik „A“. In seltenen Fällen verwende die Blendenautomatik „S“. Möchte ich ein fahrendes Auto dynamisch einfangen, gebe ich die Zeit vor, also die Einstellung Blendenautomatik. Dabei kommt es natürlich darauf an, wie schnell das Fahrzeug unterwegs ist. Eine 1/60 Sekunde ist aber ein guter Wert, bei dem der Hintergrund verwischt und die Räder eine rotierende Bewegungsunschärfe bekommen. Dazu eine schnelle Serienaufnahme des Motors. Das klappt natürlich nicht immer, etwas Übung ist schon erforderlich.

Einige Deiner Bilder verbreiten eine düstere Stimmung. Wie schaffst Du es, verschiedene Stimmungen durch Deine Fotos zu kommunizieren?

Das Geisterhaus

Eine möglichst düstere Stimmung ist mir bei bestimmten Motiven, wie z. B. „Lost Place“ wichtig. Wer diese verlassenen Orte betritt, wird sich der bizarren Atmosphäre selten entziehen können. Sie ergreift jeden Besucher mit unwiderstehlicher Anziehungskraft. Die Faszination des Morbiden, verbunden mit der menschlichen Neugier, lässt eine eigenartige Verbindung mit der Vergangenheit zu. Wer als Fotograf im Staub der Geschichte steht, möchte mit seinen Fotos ja auch eine gewisse Emotion erzeugen. Entscheidend bei Außenaufnahmen ist natürlich das Licht bzw. das Wetter. Ein möglichst dramatischer Himmel mit dunklen Wolken erleichtert es, diese Stimmung zu vermitteln. Bei guten Motiven muss man daher auf gutes Licht warten oder die Location häufiger aufsuchen.

Vergänglichkeit

Welche Rolle spielt Landschaft für Dich in der Fotografie?

Abandoned Treasure

Sehr gerne fotografiere ich auch schöne Landschaften. Vorzugsweise, aber nicht nur, kombiniert mit „meinen“ Oldtimermotiven. Ob vor „Westernkulissen“ mit den roten Felsen des amerikanischen Südwestens oder in der weiten Prärie des mittleren Westens der USA. Viele der schönen Landschaften habe ich inzwischen fotografiert, bisher allerdings nur sehr wenige hier in der FC gezeigt.

Oh Lord…

Du erklärst, dass Du Die Motive „neben den Highways“ oft interessanter findest. Wie genau machst Du diese besonderen Motive ausfindig, wenn Du reist?

Eiskalt erwischt

Wer die USA nur auf den Interstate-Highways durchquert, wird nicht viel Interessantes entdecken. Auch auf ausgetreten Touristenrouten wird man nur bedingt fündig. Wer aber durch ganz normale kleine Städte und Dörfer, fernab vom Trubel der Metropolen durch die ursprünglichen „Small Town USA“ fährt, der erlebt auch eine Zeitreise. Und auf dieser Zeitreise entdeckt man die vergessenen Autolegenden, die allesamt aus einer Ära ohne Klimakrise und Zukunftsängsten stammen. Besonders in Ortschaften, durch die einst wichtige Verkehrsadern flossen und die nun abgekoppelt von den Interstate-Strängen verweilen, steht die Zeit still.

Landflucht

Nur Nostalgie ist vom ursprünglichen Highway-Milieu geblieben, ganze Ortschaften wurden zu Geisterstädten – verwaiste Mainstreets mit leerstehenden Geschäften, in denen der Putz von den Wänden bröckelt, trockengelegte Tankstellen mit verrosteten Zapfsäulen und Motels mit verblassten, zerbrochenen Neonreklamen prägen das Bild. Durch viele Staaten des mittleren Westens der USA zieht sich, bedingt durch die Landflucht, eine Spur des Verfalls. Hier finde ich viele meiner Motive. Eine gewisse Erfahrung ist aber hilfreich, nicht alle Motive sind sofort ersichtlich.

Kruegers Gas & Grocery

Neben Deiner Leidenschaft für Oldtimer, sieht man auch ab und zu Menschen auf Deinen Fotos. Was ist Dir bei der Menschenfotografie wichtig?

Texas Fred

In erster Linie der Überraschungseffekt. Wenn möglich frage ich natürlich die Menschen, die ich gerne fotografieren möchte. Bewusst warte ich die Antworten darauf oft gar nicht ab und mache schon mal ein schnelles erstes Foto um die Menschen spontan abzulichten. So, wie ich sie angetroffen habe und immer mit dem Objektiv, das gerade an der Kamera ist. Viele dieser Fotos kann man daher als „Schnappschüsse“ bezeichnen, fern jeder fotografischen Perfektion. Danach kommen schon mal Antworten wie „ich bin doch kein Movie Star“ oder Fragen nach dem „Warum“. Einige Menschen stellen sich aber auch in Pose, freuen sich oder sind stolz, dass sie fotografiert werden. Negative Antworten habe ich selten bekommen.

Erstbesitz

Inwiefern hat Dir die fotocommunity geholfen, Feedback über Deine Werke zu erhalten?

Natürlich habe ich hier viel positives Feedback zu meinen Fotos erhalten. Tatsächlich haben mich aber die kritischen Anmerkungen bzw. Verbesserungsvorschläge einiger FC-User weitergebracht. Für konstruktive Kritik sollte man in der FC immer ein offenes Ohr haben.

Welche Ziele verfolgst Du momentan in der Fotografie, nach den vielen Erfolgen, die Du bereits erzielt hast?

Nach zwei erfolgreichen Jahren, 2020 und 2021, habe ich gegenwärtig meine Ziele erreicht. Für meinen aktuellen Bildband habe ich zwei internationale Buchpreise erhalten. Den ITB-Buch Award für den besten Reisebildband 2021 und den ICMA Award in Bronze für das beste Fotobuch 2020. Auf die positiven Rezensionen folgten Veröffentlichungen u. a. im Magazin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Fotostrecken und Berichte im „STERN“, „FOCUS“, „WELT“, der „Neuen Züricher Zeitung“, im NDR- und RBB Fernsehen, sowie in vielen Kulturmagazinen und Internetforen. Zudem hat ein amerikanischer Verlag die Lizenzrechte an meinem neuen Bildband erworben, um ihn in den USA und Kanada auf den Markt zu bringen. Meine Herausforderung als Amateurfotograf ist es nun, neue Ziele zu setzen, denn wer keine Ziele hat, kann auch keine erreichen. 

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