Auto-Ästhetik fotografisch festhalten

Reden wir mal Blech. Man muss kein glühender Autofan sein, um klassische Automobile schön zu finden. Im Gegensatz zu vielen modernen Autos bieten sie individuelle Unterscheidungsmerkmale und optische Reize, denen man sich als Fotograf kaum entziehen kann. Wir zeigen, wie man Ästhetik auf vier Rädern in Szene setzt – im Freien und in Ausstellungsräumen.

Dieser Artikel stammt aus der ColorFoto 4/2019.

Komplementärfarben: Durch die Reduktion des Bildinhalts auf wenige Formelemente – ein Ausschnitt der Heckpartie, diagonal angeordnet vor tiefblauem Himmel – ergibt sich ein starker Komplementärfarbenkontrast. Sony A7R II | 14 mm (12-24 mm) | IS0 100 | f/16 | 1/125 s. Foto: Siegfried Layda

Fotos im Freien

Als Autofan sollte man sich den 3. Juli 1886 merken: An diesem Tag fand in Mannheim die erste öffentliche Probefahrt eines Benz Patent-Motorwagens Nummer 1 statt. Der Urvater des modernen Automobils hatte einen Verbrennungsmotor, der etwa 2/3 PS lieferte und mit einem in Apotheken erhältlichen Leichtbenzin (Ligroin) befeuert wurde. An keinem anderen Produkt lässt sich die technische Evolution über mehr als 100 Jahre besser verfolgen als beim Automobil. Technik und Design veränderten sich beständig, je nach Aufgabenstellung, Kundenbedürfnissen und Produktionsmöglichkeiten.

Design-Ikone: Mut zum Experiment und zur gewagten Formsprache stellten Autodesigner früherer Jahrzehnte mehr unter Beweis als heute. Paradebeispiel: der Studebaker Commander V8 vom Anfang der 1950er-Jahre. Ein 16-mm-Weitwinkel überhöht die Frontpartie, ein blauer Effektblitz erzeugt einen künstlichen Farbkontrast. Canon EOS 5D Mk II | 16 mm (16-35 mm) | ISO 100 | f/14 | 4 s. Foto: Siegfried Layda

Aus technischer Sicht sind Autos heute so gut wie nie. Äußerlich aber sei ein Trend zur Monotonie zu verzeichnen, beklagen Design-Experten. Kaum ein Hersteller wage es noch, beim Zuschnitt des Blechkleids vom Mainstream abzuweichen. Wohl deshalb suchen Oldtimer-Fans ihr Heil in früheren Zeiten, als die Autos noch „Charakter“ hatten und Konstrukteure experimentierfreudiger waren.

Helligkeitskontrast: Oldtimer-Treffen in Albuquerque, New Mexico, USA: Eine tiefe Kameraposition erzeugt Dominanz, das Seitenlicht spannende Hell-Dunkel- Kontraste auf dem silberfarbenen Chevrolet. Die Umgebung ist nur als Andeutung vorhanden. Sony A7R II | 20 mm (12-24 mm) | ISO 100 | f/16 | 1/80 s. Foto: Siegfried Layda

Auf seinen USA-Reisen hat Profi-Fotograf Siegfried Layda immer wieder amerikanische Autoklassiker abgelichtet – chromglänzende Schmuckstücke sowie ausgemusterte Fahrzeuge, die selbst als Rostlauben noch attraktiv sind. Überwiegend kamen dabei Weitwinkelobjektive zum Einsatz – einerseits, um die Umgebung in das Bild zu integrieren, andererseits, um dramatische Perspektiven zu erzeugen. Besonders faszinierte ihn der hier abgebildete Studebaker Commander V8 mit seiner futuristischen Front, entdeckt an der Route 66.

Selektive Schärfe: Durch Fokussieren auf den Kopf des Jaguars löst sich der Hintergrund in Unschärfe auf, aufgrund der Nähe zum Objekt auch noch bei einer verhältnismäßig kleinen Blende. Sony A7 III | 90 mm Macro | ISO 100 | f/11 | 0,3 s. Foto: Siegfried Layda

Autos im Showroom

Da man nicht an jeder Straßenecke auf klassische Automobile trifft, fotografiert man sie bei Oldtimer-Treffen oder in Ausstellungsräumen. Für dieses Special begab sich Profi-Fotograf Siegfried Layda mehrmals in die Classic Remise Berlin, wo eine stattliche Anzahl von Oldtimern und Liebhaber-Fahrzeugen in einem restaurierten Straßenbahndepot aus wilhelminischer Zeit präsentiert wird.

Fokusreihe: Aufgereiht wie Perlen auf einer Kette stehen automobile Kostbarkeiten zum Verkauf. Eine Fokusreihe aus fünf Einzelbelichtungen, die mit „Fokuskombination“ in Affinity Photo kombiniert wurden, ermöglichte durchgehende Schärfe vom Vorder- bis zum Hintergrund. Sony A7R III | 90 mm (24-105 mm) | ISO 100 | f/11 | 1/8 s. Foto: Siegfried Layda

Das Fotografieren in einem Showroom hat Vor- und Nachteile. Positiv ist, dass man bei der Auswahl der Motive aus dem Vollen schöpfen kann. Die Kehrseite der Medaille: Je mehr Autos im Raum versammelt sind, desto dichter stehen sie aneinander. Dann ist es oft nicht mehr möglich oder zu riskant, ein Stativ aufzubauen. Folglich muss man an der ISO-Schraube drehen, wenn man aus der Hand fotografieren und zugleich stark abblenden will, um ausreichend Schärfentiefe zu erzielen. Systemblitzgeräte sind aufgrund ihrer kleinen Blitzreflektoren zum Aufhellen großer Lackflächen kaum geeignet. Unschöne Reflexe beseitigt man normalerweise mit einem Polfilter. Damit würde sich aber auch der Glanz im Lack verabschieden. Folglich hilft nur eine Standortvariante, ergänzt durch spätere Bildretusche. Stört der Hintergrund, lässt er sich durch Perspektivwechsel vielleicht ausblenden. Dies kann zu ungewöhnlichen Sichtweisen führen wie bei dem schräg von oben fotografierten Kühlergrill eines Rolls Royce. Bei Detailaufnahmen wie einer Kühlerfigur kann man den Hintergrund durch Aufblenden in der Unschärfe verschwimmen lassen. Oder Sie schaffen einen alternativen Hintergrund, etwa mit einem schwarzen Samttuch.

Perspektivwechsel: Schräg von oben fotografiert, sieht man den Kühlergriff eines Rolls Royce eher selten. Der Kunstgriff erzeugt Spannung und blendet zugleich unerwünschten Hintergrund aus. So macht man aus der Not eine Tugend. Sony A7R III | 30 mm (24-105 mm) | ISO 100 | f/10 | 1/15 s. Foto: Siegfried Layda
Zoomeffekt: Während der Belichtung wurde von 33 bis 70 mm gezoomt, eine zweite Aufnahme mit 33 mm sorgt für ein scharfes Kernbild im Bereich des Kühlergrills. Hier wurde die Deckkraft der Zoom- Aufnahme bei der Ebenenmontage reduziert. Der Zoom-Effekt schafft Dynamik und lenkt vom störenden Hintergrund ab. Sony A7R III | 33 mm + 33-70 mm | ISO 100 | f/16 | 0,5 s. Foto: Siegfried Layda

Innere Werte

Außen hui, innen pfui? Ein lieblos gestalteter Innenraum mit billigen Materialien trübt die Freude an einem Auto, da mag die Fassade noch so schön glänzen. Das nach Conolly-Leder duftende Interieur eines älteren Bentley, Jaguar oder Rolls Royce kann die Sinne dagegen regelrecht betören, so wie die Wurzelholz-Einlagen im Armaturenbrett dem Auge schmeicheln. Die Cockpits von Oldtimern sind wesentlich verspielter als bei heutigen High-Tech-Fahrzeugen: Anstelle von Displays und Digitalanzeigen bestimmen Rundinstrumente wie Tacho, Drehzahlmesser oder Öldruckmanometer die Optik. Manchmal verschönern Oldtimer-Fahrer ihren Arbeitsplatz aber auch durch individuelle Applikationen. Ein Beispiel ist der Plastikblumen-Strauß als farbiger Akzent am Rückspiegel eines Goggomobils.

Cockpit-Nostalgie: Blick auf das zeitlos schöne Armaturenbrett eines Mercedes Benz 190 SL Roadster: Klassische Rundinstrumente und das weiße Lenkrad mit dem Stern prägen die Optik. Sony A7R II | 18 mm (16-35 mm) | ISO 400 | f/8 | 1/125 s. Foto: Siegfried Layda
Detailverliebt: Sicherheitsgurt eines Ford Mustang der 1960er-Jahre: Die Metallschließe ist mit der markentypischen Pferdefigur verziert. Authentizität bis ins Detail gilt bei Oldtimern als Qualitätsmerkmal. Foto: Siegfried Layda

Eine typische Innenansicht ist der seitliche Blick auf das Armaturenbrett bei geöffneter Fahrertür. Mit dem Einverständnis des Autobesitzers kann man aber auch vom Rücksitz aus fotografieren. Ist das Licht knapp, lohnt sich ein Blitz-Versuch, indirekt über den Dachhimmel. Besonders leichtes Spiel hat man mit einem Cabrio bei geöffnetem Verdeck, weil der Innenraum dann gut beleuchtet ist und wie auf einem Präsentierteller vor der Linse liegt. Bei einer Limousine lassen sich Teile des Interieurs gelegentlich auch über die Front- oder Heckscheibe fotografieren – etwa die Nachbildung eines Hundeskeletts auf der Hutablage, gesichtet bei einem Oldtimer-Treffen in einem Vorort von München. Oldtimer-Fans sind eben Individualisten und häufig mit Humor gesegnet.

Schräger Humor: Eine Persiflage auf den berühmt-berüchtigten „Wackeldackel“ auf der Hutablage? Auf jeden Fall mangelt es dem Besitzer dieses Oldtimers nicht an Humor. Fujifilm X-T2 | 60 mm/KB (18-55 mm) | ISO 200 | f/8 | 1/340 s. Foto: Karl Stechl
Farbakzent: Blick durch die Windschutzscheibe eines Goggomobil Coupé: Der Plastik­blumenstrauß verleiht dem Armaturenbrett eine persönliche Note. Fujifilm X-T2 | 55 mm/KB (18-55 mm) | ISO 200 | f/8 | 1/550 s. Foto: Karl Stechl

Blitz als Effektlicht

Ein komplettes Auto nach allen Re­geln der Kunst auszuleuchten, er­fordert einen Aufwand, den man in ei­nem Ausstellungsraum nicht leisten kann – schon wegen des dafür nötigen Platzbedarfs in Verbindung mit über­ dimensionierten Lichtwannen. Die Formsprache eines Automodells zeigt sich aber auch in typischen Details, deren Wirkung sich durch gezielte Be­leuchtung steigern lässt. Mit gefilter­tem Licht von einem oder zwei Blitzgeräten setzen Sie vor allem in verchromten Applikationen wie Küh­lerfiguren bildwirksame Akzente. War­me Farben unterstützen den nostalgi­schen Look, Blau wirkt technisch kühl. In dunklen Räumen kann man even­tuell auch ein „Wanderlicht“ in Kombi­nation mit langer Belichtungszeit ein­ setzen.

Warmes Licht: Ford-T Runabout von 1916: Zwei Blitze mit Warmtonfolie (Orange), seitlich und von vorne, unterstreichen die nostalgische Wirkung. Zum Soften des Blitzlichts wurde Diffusorfolie im Format 25 x 25 cm verwendet. Sony A7R III | 31 mm (24-105 mm) | ISO 100 | f/13 | 1 s. Foto: Siegfried Layda

Auch wenn man nur einen Kühlergrill beleuchten will, sollte das Blitzlicht möglichst flächig auf das Motiv wirken. Es muss ja nicht gleich die große Soft­box sein: Weiße Diffusorfolie, mit Klett­ band und etwas Abstand vor dem Blitzreflektor befestigt, kann Wunder wirken. Verwende den Blitz ent­fesselt von der Kamera auf einem Stativ, und löse ihn per Funk aus, denn Licht, das exakt aus der Kamera­richtung kommt, wirkt flach. Platziert man den Blitz dagegen seitlich von der Kamera, lassen sich Oberflächenstruk­turen herausarbeiten.

Spot an! Der rote Lagonda LG 45 Rapide ist schon bei vorhandenem Licht eine Augenweide. Um einen noch lebendigeren Eindruck zu schaffen, wurden zwei Blitze mit Orangefolie eingesetzt und per Funk ausgelöst. Das gefärbte Blitzlicht zeigt sich vor allem in den Reflektoren der Autoscheinwerfer. Sony A7R III | 52 mm (24-105 mm) | ISO 100 | f/11 | 1/5 s. Fotos: Siegfried Layda

Fast ebenso wichtig wie das Hinzufü­gen von Beleuchtung kann auch das partielle Abhalten des Lichts sein, weil einfallendes Tageslicht oder künstliche Lichtquellen oftmals zu unschönen Reflexionen führen. Verwende da­für – je nach Motiv und gewünschter Wirkung – ein schwarzes oder weißes Tuch bzw. formstabilen Karton.

Isoliert und eingefärbt: Die „Spirit of Ecstasy“, auch „Emily“ genannt, gehört als Kühlerfigur zum Rolls Royce wie der Stern zum Mercedes. Mit weißem Hintergrundmaterial (Westcott Illuminator) und schwarzem Samt wurde sie hier von der Umgebung isoliert und in einer dritten Variante farbig beleuchtet (Blitz von links mit Orangefolie, von rechts mit Blaufolie, jeweils mit Diffusor). Sony A7R III | 90 mm Macro | ISO 100 | f/11 | 0,5 s. Fotos: Siegfried Layda

Fazit

Dieser Artikel hat Dir gezeigt, wie vielseitig das Motiv „Auto“ in Gesamtansicht oder Detail fotografisch in Szene gesetzt werden kann und wie gerade die Umgebung des Autos in die Planung einbezogen werden sollte.

Lasse Dich auch von der fotocommunity inspirieren – hier findest du eine eigene Sektion „Autos & Zweiräder“ – und lade Deine Fotos hoch.

 

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5 Kommentare

  1. Benedikt
      April 13, 2019 at 10:58 AM
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    Da ich häufig als Hochzeitsfotograf unterwegs bin, hatte ich mir mehr Tipps zum Fotografieren im Freien gewünscht. Darüber hinaus hätte ich gerne Tipps erhalten, wie ich moderne 0-8-15 Karossen wirkungsvoller in Szene setzten kann.

  2. Klaus Huber
      April 3, 2019 at 3:16 PM
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    Ein sehr schöner Beitrag der wieder Lust auf’s Oldtimerfotografieren macht. Ich hab das in letzter Zeit vernachlässigt weil ich durch die vielen dichtgedrängten Autos zu keiner vernünftigen Perspektive kam und mir dauernd Leute vor die Kamera rannten. Auch von dem Hintergrundwissen von Siegfried Leyda zu den Autos bin ich beeindruckt.

  3. Ingo Krehl
      April 3, 2019 at 12:26 AM
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    Klasse Beitrag, mit vielen keinen Kniffen wie man es besser machen kann.
    Noch eine kleine Bitte, verwendet den Begriff „Linse“ nur dann wenn ihr eine Linse meint!
    Im Englischen gibt es nur „Lens“ egal ob damit eine Linse oder ein Objektiv gemeint ist.
    Wir können zwischen Linse und Objektiv unterscheiden, also sollten wir auch die Möglicjhkeit nutzen.

  4. Werner
      April 2, 2019 at 6:56 PM
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    PPS: Ich hab vergessen anzumerken, dass sich der Kommentar auf den roten Lagonda bezieht.

  5. Werner
      April 2, 2019 at 6:52 PM
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    Ich weiß, dass man mit zusätzlichem Licht oft recht schöne und interessante Effekte zaubern kann. Über Geschmack kann man bekanntlich auch nicht streiten (oder doch?!). Meiner Meinung nach würde der Designer ob der Farbdarstellung des wunderschönen Rot, welche das Original zeigt, im Grab rotieren. PS: ich lese Ihre Vorschläge ansonsten sehr gern.

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