Wildlife-Fotografie der Extreme

Der ehemalige Extrembergsteiger Toni Bischof sucht in der Naturfotografie die Herausforderung: Mit klarem Blick, absoluter Ruhe und Intuition gelingen ihm außergewöhnliche fotografische Begegnungen. Wildlife-Fotografie der Extreme zwischen Risiko und Sensibilität.

„Immer ist dabei Körperkontakt im Spiel“

Blauhaie frontal (Azoren) – Arbeit mit natürlichem Licht, ungeblitzt nahe der Wasseroberfläche. Aufnahmeort: Azorenplatte, 35 Seemeilen vor Pico. Ruhig Blut bewahren! Blauhaie (bis zu 3,5 m lang) kennen keine Berührungsängste. Nikon D800E, Brennweite 14 mm, ISO 250, Blende 8, 1/125 s, manuelle Belichtung, Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof

Einmal Schmetterlinge, einmal Haie: Das sind zwei sehr unterschiedliche Schwerpunkte. Wie bist Du dazu gekommen?

Da muss ich ausholen: Als gestandener Extrembergsteiger liebte ich die Herausforderung, mich in jeder Situation ruhig zu verhalten, liebte aber über alles auch die Naturbetrachtung. Beiden Elementen begegne ich nun als Fotograf wieder intensiv. Eine Begegnung mit einem Hai hat etwas mit der Bewältigung einer Schlüsselstelle im Fels zu tun: eine klare Überlegung, das Einschätzen der Situation und ruhig bleiben. Ich mag die Nähe zu den Haien, die oft keine Berührungsängste zeigen. Andererseits sind es die lieblichen Schmetterlinge, die einen feinen Umgang zulassen und oft auf meinen Händen oder auf meinem Kopf Ansitz nehmen. Zufall? Nein, denke ich, denn wer versucht, die Schmetterlinge zu verstehen, der bringt das nötige Gefühl mit, den Haien zu begegnen.

Karibische Riffhaie mit Tauchboot (Bahamas / Tigerbeach)– Arbeit mit Blitz ins Gegenlicht. Aufnahmeort: Bahamas / Tigerbeach auf hoher See. Bei Tiefen zwischen 6 bis 23 Meter. Oft lohnt es sich, den Blick schweifen zu lassen, so auch mal nach oben. Die Kombination von Haien, Boot und Gegenlicht ergibt oft lohnende Motive. Nikon D800E, Brennweite 15 mm, ISO 400, Blende 11, 1/100 s, manuelle Belichtung, Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof

Wo sind die Bilder entstanden?

Die Schmetterlingsmakros entstehen sozusagen vor meinem Haus in der nahen und weiteren Umgebung von Ladir, Graubünden in der Schweiz. Oft arbeite ich aber auch im Bereich der Rheinschlucht von Valendas/ Versam und den umliegenden Talgebieten. Da brauche ich nicht weit zu gehen und habe den Vorteil, dass ich in den Bergen die Vegetationsstufen nutzen kann. Die Haibilder sind auf meinen Tauchreisen zu den Azoren, in Südafrika, auf den Bahamas (Tigerbeach) und im östlichen pazifischen Ozean (Socorro, Galapagos und Malpelo) entstanden.

Die eigenwillige Bildgestaltung roter Apollo auf Scabiosa – Arbeit mit Diffuser. Aufnahmeort: Ruschein/GR Schweiz. Freihandschuss von oben auf das Motiv, eigenwillig aber reizvoll. Abgeschattetes Arbeiten (Diffusor) erzeugt bei sonnenbeschienenem Hintergrund satte, kräftig leuchtende Farben. Nikon D800E, Brennweite 105 mm, ISO 100, Blende 5,6, 1/100 s, Blendenpriorität, Matrix-Messung,+ 0,7 Blendenstufen. Foto: Toni Bischof

Wie entwickelst Du Deine Bildideen?

Der künstlerische Grundgedanke bei der Gestaltung eines Bildes hängt stark von der Art der Wildlife-Begegnung mit meinen „Modellen“ ab und davon, wie viel Zeit und Nähe sie mir für meine Aufnahmen gönnen. Bei Schmetterlingsmakros mag ich den Einbezug der Ansitzpflanze, dazu das Hintergrund-Bokeh. Haifotografien sind wiederum Momentaufnahmen, meist geht es um entscheidende Sekunden bei der Bildauslösung. Da ich ausnahmslos extreme Weitwinkelobjektive verwende, ist der richtige Auslösemoment quasi Matchentscheidend. Fazit: Die Entwicklung von Bildideen ist ein fortdauernder Prozess, der sich mit der Erfahrung verfeinert.

Schmetterlinge im Bauch (Feuerfalterpaarung) – Arbeit bei starker Bewölkung mit Hintergrundaufheller weiß. Aufnahmeort: Ladir/GR Schweiz. Freihandschuss mit genauer Dosierung der Aufnahmedistanz bewirkt die Luftigkeit und ­Leichtigkeit­ der­ beiden (verfließende Schärfe). Nikon ­D800E, ­Brennweite­ 105­mm,­ ISO­80, ­Blende ­7,­1/ 320­s,­Blendenpriorität, ­Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof

Wie bereitest Du ein Fotoshooting vor?

Ein Unterwasser-Shooting mit Haien kann so unterschiedlich sein wie nur irgendwas. Immer muss vorher aber eine minutiöse Wartung am Foto- und Tauch-Equipment erfolgt sein, damit im richtigen Moment alles tadellos funktioniert! Es ist ein Zusammenspiel von körperlicher und mentaler Bereitschaft und Technologien, die zu guten Aufnahmen bei Begegnungen mit Haien führen.

Ganz anders bei Schmetterlingsaufnahmen. Da spielen das Wetter, die Temperatur und die Lichtbedingungen extrem mit. Oft schaue ich frühmorgens aus meinem Fenster und merke: Heute ist der Schmetterlingstag! Ich bevorzuge dabei die frühen Morgenstunden. Öfters habe ich einen Diffusor oder auch einen Hintergrundaufheller mit auf meiner Makrotour.

Segelfalter auf Wiesensalbei – Arbeit bei bewölktem Himmel. Aufnahmeort: Rheinschlucht bei Sagogn/GR Schweiz. Freihandschuss unter Anschleichen an­ das seltene ­Motiv. ­Endlich­ ­eine ­gute ­Aufnahme­ dieser­ schwer­zu­fotografierenden ­Flugkünstler. ­Es ­reicht ­für ­gerade­ mal drei Aufnahmen, dann ist er weg! Nikon D800E, Brennweite 105 mm, ISO 400, Blende 5,6, 1/600­s, ­Blendenpriorität, ­Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof

Was machte Deine fotografische Arbeit aus?

Bei Haiaufnahmen bevorzuge ich, wenn irgend möglich, den Miteinbezug des natürlichen Lichtes. Das heißt, ich arbeite an der Wasseroberfläche, was aber mit Haien nicht ungefährlich ist und größte Konzentration und Reaktionsbereitschaft erfordert. Als Beispiel können einige meiner Blauhaifotos aus den Azoren dienen. Immer ist dabei Körperkontakt im Spiel! Bei Schmetterlingsmakros ist das Shooting selbst wesentlich entspannter: Zuerst muss ein lohnendes „Model“ gefunden werden. Dann die Entscheidung, abgeschattet mit Diffusor zu fotografieren oder nicht. Muss der Hintergrund aufgehellt werden? Ich arbeite meist mit Available Light und wenn mit Kunstlicht, dann nur mit einer leistungsverstellbaren Lampe. Möchte ich den Schmetterling in einer Gesamtkreation darstellen mit Einbezug der Ansitzpflanze/Blüte, so arbeite ich oft mit Blende 4 bis 5,6. Das erzeugt bei genügend Abstand eine gute Freistellung und ein attraktives Bokeh. Bei größerer Nähe zum Model vergrößert sich die Blendenzahl bis ca. Blende 12. Der ISO-Wert liegt zwischen 100 und 400, selten höher und die Belichtungszeit nicht unter 1/125 s, da ich zu 90 Prozent Freihand aufnehmen. Sonst verwende ich ein Stativ.

Der große Hammerhai (Bahamas / Tigerbeach) – Arbeit mit Blitz. Aufnahmeort: Bahamas / Tigerbeach auf hoher See, bei Tiefen zwischen 6 bis 23 Meter. Die Haie werden hier durch ein Spezialteam angelockt. Der große Hammerhai (bis zu 5 Meter lang) kennt keine Berührungsängste. Richtiges Verhalten ist wichtig (Ruhe bewahren). Nikon D800E, Brennweite 14 mm, ISO 320, Blende 10, 1/200 s, manuelle Belichtung, Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof

Was war eine ganz besondere Herausforderung für Dich?

Da wäre die Haiaufnahme „Blauhaie frontal (Azoren)“, die es speziell zu erwähnen gilt. Die Blauhaie tummelten sich bei einer Brennweite von nur 15 mm vor dem Dome Port meiner Unterwasserkamera und drehten mir diesen mit ihren Flossen fast vom Kameragehäuse weg. Da hieß es: Finger schön eng am Gehäuse lassen und volle Konzentration!

Das klingt wirklich riskant! Und was machst Du letztlich mit Deinen Bildern?

Nichts, absolut nichts! Meine Bilder stelle ich zu einem kleinen Bruchteil in der fotocommunity ein und freue mich am Gedankenaustausch und wenn es Sterne gibt im anspruchsvollen deutschen Voting. Das Beste an meinen Bildern ist meine völlige Unabhängigkeit von ihnen. Ich zeige sie gerne jenen, die wirkliches Interesse und Freude haben. Das bereitet auch mir Freude. Über die fc habe ich Menschen kennengelernt, die heute meine Freunde sind. Naturbilder sind für mich wohl datiert. Gute Bilder aber sind zeitlos.

Das edle Tagpfauenauge – Arbeit ohne Diffuser/ Hintergrundaufheller/Stativ Aufnahmeort: Ladir/GR Schweiz. Freihandschuss von oben auf das Motiv, eigentlich verpönt, aber oftmals reizvoll. Bei Schmetterlingen auf Schussdistanz zu kommen, braucht jahrelange Übung, verbunden mit Naturbeobachtungen und fundierten Kenntnissen über die Lebensweisen der Falter. Nikon D800E, Brennweite 105 mm, ISO 400, Blende 5,6, 1/1600 s, Blendenpriorität, Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof
Blauhai (Azoren) – Arbeit mit natürlichem Licht, ungeblitzt nahe der Wasseroberfläche mit Einbezug der Spiegelung. Aufnahmeort: Azorenplatte, 35 Seemeilen vor Pico. Ruhig Blut bewahren! Nikon D800E, Brennweite 23 mm, ISO 320, Blende 11, 1/125 s, manuelle Belichtung, mittenbetonte Messung. Foto: Toni Bischof
Sechsfleckwidderchen auf Arnika – Arbeit bei bewölktem Himmel. Aufnahmeort: Ladir/GR Schweiz. Freihandschuss senkrecht von oben auf das Motiv. Das sorgfältige Wählen der Aufnahmedistanz ergibt die verfließende Schärfe (sehr nahe am Motiv). Nikon D800E, Brennweite 105 mm, ISO 400, Blende 9, 1/200 s, Blendenpriorität, Matrix-Messung. Foto: Toni Bischof

Fazit

In diesem Interview zeigt uns der fc-Fotograf Toni Bischof die Vielseitigkeit der Wildlife-Fotografie und macht deutlich, wie entscheidend hundertprozentige Konzentration und Ruhe in bestimmten Situationen sind. Hast Du bereits Erfahrungen mit Wildlife-Fotografie gemacht? Wir sind gespannt auf deine fotografischen Experimente. Einfach hier hochladen und mit der fotocommunity teilen.

fc-Fotografenlink: www.fc-user.de/1867148

Weitere Tipps für die Fotopraxis, Tests der aktuellen Kameramodelle und alle Neuheiten und Trends in der Fotobranche erhältst Du im monatlichen ColorFoto-Magazin.
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3 Kommentare

  1. Uli Käßer
      März 17, 2019 at 9:08 AM
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    Hallo Toni
    Schön über dich zu lesen und deine Bildeindrücke zu genießen.
    U&B

  2. Rudolf Eidler
      März 14, 2019 at 6:28 PM
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    beeindruckende Bilder und nett kommentiert,”bergsteigerlike”

  3. G.Eichelberg
      März 12, 2019 at 9:25 PM
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    tolle Bilder , mal anders

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