Porträtfotografie – Kinder

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In Zusammenarbeit mit SIGMA
Nachdem wir mit den vorherigen Beiträgen die Grundlagen gelegt haben, um in die Porträtfotografie einzusteigen, wollen wir heute konkreter werden und in die spezifischeren Bereiche des Porträts einsteigen. In diesem Beitrag möchten wir uns mit einem beliebten Bereich auseinandersetzen, dem Porträt von Kindern.

Begebt Euch auf Augenhöhe zum Kind, das Foto wirkt nicht nur schöner, das Kind wird auch besser mit Euch und der Kamera interagieren.
Begebt Euch auf Augenhöhe zum Kind, das Foto wirkt nicht nur schöner, das Kind wird auch besser mit Euch und der Kamera interagieren.
105 mm | 1/125 Sekunden | ƒ/2,8 | ISO 200

Dabei möchten wir Euch nicht nur über die rein fotografischen Aspekte aufklären, sondern auch einige Tipps zum Umgang mit und Motivation von Kindern vor der Kamera und auch einige Aspekte ansprechen, die die rechtliche bzw. gesellschaftliche Seite ansprechen. Bezüglich der Auswahl der in diesem Beitrag gezeigten Fotos denkt bitte immer daran, was wir schon in der vorherigen Lektion gesagt haben: Porträt bedeutet nicht einfach nur ein Gesicht zu fotografieren, sondern bedeutet eine Person zu porträtieren, sie also in ihrem Wesen zu erfassen und darzustellen.

Es gibt verschieden Verfahren, wie man sich dem Kinderporträt nähern kann. Es gibt aber einige grundlegende Dinge, die Ihr beachten solltet, um eine gute Grundlage zu schaffen.

Die wichtigste Regel: Begebt Euch auf Augenhöhe zum Kind.

 

Diese Maßnahme hat zwei Gründe: Erstens werden so die Proportionen „normalisiert“ und zweitens eine neue und andere Perspektive auf das Kind geschaffen, die wir Erwachsene aus unserer Sicht von oben so im Normalfall nicht wahrnehmen. Kinderfotos aus Augenhöhe der Kinder fotografiert geben uns eine neue Sicht auf das Kind und wirken daher in den meisten Fällen auf den Betrachter interessant.

Der zweite wesentliche Punkt ist die Brennweite und die Blendeneinstellung. Es ist immer besser, wenn Ihr eher lange Brennweiten wählt (im Bereich 85 – 200mm – natürlich abhängig von der vorhandenen Kamera), bei Kompakt- und Bridgekameras solltet Ihr eher am hinteren Ende des Zoombereichs arbeiten, die Proportionen wirken natürlicher und was ganz wesentlich ist: Ihr rückt dem Kind nicht zu dicht „auf die Pelle“. Während Erwachsene eher bereit sind für das Foto einen Fotografen näher an sich heran zu lassen, wirken Kinder oft irritiert, was man den Bildern sehr schnell ansieht.

Bestenfalls (wie in der kleinen Serie) bleibt es bei verbalem Protest. Wahrscheinlicher ist es aber, dass das „genervte“ Kind weg läuft und sich versteckt oder jedes Mal weg dreht, wenn es die Kamera erblickt. Dann ist erst einmal eine ganze Zeit Essig mit guten Fotos, gerade kleiner Kinder können da schnell sehr stur werden und sich dauerhaft der Kamera verweigern. Ihr solltet das dann auch ernst nehmen und dem Kind denselben Respekt entgegenbringen, wie einem Erwachsenen, der den Wunsch äußert, nicht fotografiert zu werden.

Kleiner Tipp am Rande: zeigt den Kindern die Fotos auf dem Kameramonitor und sprecht mit Ihnen, was Euch an den Bildern gefällt und fragt die Kinder, was Ihnen nicht gefällt. Ich habe oft erlebt, dass von den Kindern selbst tolle Ideen kamen.

Offene Blende stellt das Kind durch einen unscharfen Hintergrund schön frei.
165 mm | 1.1.600 sek. | f/2,8 | ISO 100

Der zweite wesentliche Punkt für „bessere“ Kinderporträts ist die Blende – genau genommen die aus der Blendeneinstellung resultierende Schärfentiefe. (Zur Erinnerung, je offener die Blende und je länger die Brennweite, je geringer wird die Schärfentiefe). Öffnet also die Blende.

Sie muss nicht komplett geöffnet werden, bei Brennweiten über 100 mm reicht f/4 und über 150 mm sogar meist auch noch f/5,6, um das Porträt durch deutliche Hintergrundunschärfe schön freizustellen. Genau diese Freistellung ist der Grund, warum Eltern und Verwandte, die selbst nur Kompaktkameras und Vollautomatik kennen, oft sehr begeistert von dieser „2neuen“ Art der Ablichtung ihrer Lieblinge ist.

Egal mit welcher Kamera Ihr arbeitet, wählt die Zeitautomatik (A oder Av ist meist die Bezeichnung) und wählt bei Kompaktkameras die kleinste mögliche Brennweite, bei anderen Kameras kann es (je nach möglicher Offenblende) auch gern mal eine Stufe abgeblendet sein und eine eher lange Brennweite (Ende des Zoombereichs), dann sollte es mit der Hintergrundunschärfe gut klappen.

Motive finden und gestalten

Nun wollen wir aber von der Technik zu den Motiven selbst und ein wenig darüber erzählen, wie Ihr Eure Motive findet und gestaltet. Es hängt dabei davon ab, wie alt das Kind ist. Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren gehen mit dem Thema Kamera und Foto deutlich unbeschwerter um, wobei die Neugierde Euch auch schnell einen Strich durch die Rechnung machen kann, denn in dem Alter hat ein Kind auch keine Scheu mit verschmierten Fingern auf die Linse oder die Kamera zu tapsen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Mischung aus Schaumkuss, Sand und Lehm ziemlich schwierig von der Frontlinse zu bekommen ist.

Wenn Ihr Euch mit dem Kind beschäftigt, dann seid nicht zu fixiert auf das Porträt an sich, sondern versucht auch andere Ausschnitte zu finden, selbst wenn das Gesicht dann nicht mehr im Bild ist. Die beiden Fotos mit den Gänseblümchen in der Hand haben der Mutter zum Beispiel deutlich besser gefallen, als das eigentliche Porträt.

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Manchmal ist es nötig, dass man sich zum Kasper macht, in diesem Fall hat der Fotograf dem Mädchen immer wieder die Zunge rausgestreckt, was dann zu diesem süßen Lachen führte.
85 mm | 1/750 sek. | f/1,8 | ISO 100

Werden die Kinder älter und es ist Euch nicht gelungen, dass die Kinder beim Anblick einer Kamera die Flucht ergreifen, dann kann man mit den Kindern schon richtig „arbeiten“. Dieses Arbeiten ist übrigens eine gute Schule für die Ansprache der Fotomodelle (auch der erwachsenen), denn Kinder neigen dazu die Anweisung so umzusetzen, wie sie sie verstehen, oft sehr spontan. Was aber besonders schön ist: meist sind die Kinder dann auch mit Herzblut und Engagement bei der Sache.

Toll ist es natürlich, wenn Ihr Kinder fotografieren könnt, die auch bereit sind, zu schauspielern. Die also nicht nur toben, tollen und lachen, sondern auch mal Wut, Ärger und Streit umsetzen. Hilfreich ist es dann, wenn die Kinder in dem Fall keine Geschwister sind (da wird der Streit zu schnell echt und dann habt Ihr ein Problem!), sich aber lange kennen und befreundet sind.

Auch wenn es um Emotionen geht, machen Kinder gut mit
Auch wenn es um Emotionen geht, machen Kinder gut mit. Mal ehrlich, die Mimik der beiden ist doch wirklich glaubwürdig und klasse oder?

Wenn es Eure Kamera erlaubt, macht es Sinn kleine Bilderserien zu machen, gerade wenn die Kinder sich an unterschiedlicher Mimik versuchen. Das hat mehrere Gründe: Erstens ist es für die Kinder eher schwierig auf Kommando genau das Gesicht zu machen, das Ihr haben wollt.  Zweitens entwickelt sich erst oft in der Folge der Aufnahmen genau das Bild, das Ihr Euch vorgestellt habt.

Übrigens: Manchmal sind es die Zufälle, die zu schönen Bildern führen. Auf einem Kinderfest fand ich einen kleinen gelben Stuhl und legte mich davor ins Gras – mit der Kamera und wartete ab, was passiert. Nach und nach kamen die Kinder und fingen an auf dem Stuhl zu sitzen, zu spielen, zu albern und zu posen. Leider kann ich nicht alle Bilder aus der Serie zeigen, da mir die Freigabe der Eltern fehlt, aber zwei Beispiel möchte ich Euch nicht vorenthalten:

Es ist oft eine gute Idee die Kinder einfach „machen“ zu lassen (ein gewisses Alter vorausgesetzt) und vor allem solltet Ihr Euch viel Zeit nehmen. Je mehr Zeit Ihr habt, um so besserer werden die Ergebnisse. Im übrigen gilt bei Kinderporträts dasselbe, wie bei anderen Aufnahmen: Mittagslicht oder -sonne taugt nicht, besser ist, wie auf obigen Beispielen, das weiche, abendliche Licht, das von der Seite kommt und nicht von oben.

Werden die Kindern dann größer, unterscheidet sich das Kinderporträt kaum noch von den Methoden der Erwachsenen. Sie fangen an erwachsen zu werden und haben dann auch Anspruch darauf erwachsen behandelt zu werden. Ihr solltet ab dem Alter vermeiden die Kinder in Situationen zu fotografieren, die ihnen peinlich sein könnten, egal wie „süß“ das Foto sein mag. Wer Kinder in ihren Wünschen respektiert, wird viel mehr Freude an den Fotos haben und bessere Ergebnisse erzielen.

Weitere hilfreiche Tipps

Zum Schluss noch einige Aspekte, die nicht mit der Fotografie direkt zu tun haben.

  • Ihr solltet es vermeiden fremde Kinder zu fotografieren. Es ist zwar (noch) nicht verboten, dies zu tun, wenn die Kinder sich in der Öffentlichkeit bewegen, kann aber trotzdem sehr schnell zu Problemen führen.
  • Wenn Ihr Bilder ins Internet stellt, dann holt Euch vorher die schriftliche(!) Erlaubnis durch die Eltern (und zwar von beiden Elternteilen). Ab ca. 10 Jahren sollte auch das Kind an der Entscheidung beteiligt werden. Warum beide Elternteile? Wir haben es oft genug erlebt, dass nach Trennungen plötzlich ein Elternteil „schwierig“ wurde. Stehen die Bilder dann im Netz, werden die Diskussionen lang und im Zweifel hat man Post vom Anwalt.
  • Und denkt daran, das Internet vergisst wenig. Was einmal drin ist, wird lange stehen bleiben. Daher nehmt wirklich auch nur Bilder, die den Kindern später nicht peinlich sind und sie in einem „schlechten“ Licht zeigen.

Solltet Ihr aber unsere Tipps beherzigen, stehen schönen Kinderfotos nichts im Wege (Denkt auch dran: Nicht jede schöne Erinnerung muss man online stellen, es kann auch schön sein, sie einfach für sich und seine Familie aufzubewahren)

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10 Kommentare

  1. Pingback: Grundbegriffe in der Fotografie: Porträtfotografie – Fotoschule

  2. Wolfgang W.
      Februar 22, 2017 at 2:29 PM
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    Hallo Herr Schwabe, vielen Dank für den an sich guten Artikel. Allerdings sollte nach „… Warum beide Elternteile? …“ stehen: Weil beide Elternteile das Sorgerecht für die Kinder haben (können) und dann bei der Entscheidung über die Veröffentlichung gleichberechtigt sind. Welcher Elternteil ist denn der „schwierige“? Derjenige, der einer Veröffentlichung widerspricht oder derjenige, der einer Veröffentlichung irgendwo zustimmt? Ist mir klar, dass diese Diskussion eher in den Bereich Fotorecht, Persönlichkeitsrecht bzw. in die Familie gehört und hier nicht passend ist. Die hier geäußerte „Wertung“ meines Erachtens aber auch nicht.
    Freundliche Grüße, Wolfgang

    1. Matthias
        Februar 25, 2017 at 11:08 AM
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      Schwierig für den Fotografen würde ich sagen… das ist keine Wertung der Eltern sondern ein rechtliches Problem des Fotografen.

  3. Ilse Jentzsch
      Januar 5, 2017 at 9:47 AM
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    Hallo Martin,
    da wir ja einen neuen Erdenbürger in der Familie haben, war dieser Artikel über die Kinderfotografie für mich hochinteressant.
    Danke und einen lieben Gruß
    Ilse

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  6. smbr
      September 15, 2016 at 7:31 PM
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    Danke dass sich Fotografen die Mühe machen und auch uns Anfängern
    Tipps geben.

    Viel Erfolg weiterhin

  7. WALTER KUNZE
    WALTER KUNZE
      September 13, 2016 at 8:46 PM
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    Lieber Martin Schwabe,
    Auch wenn ich nur mit Kompaktkamera arbeite (Canon G1X), ohne Wechselobjektiv, externen Blitz und Reflektoren, ist mir Ihr Text dieser Ausgabe der Fotoschule hilfreich.
    Besonders gefiel mir der Artikel über Kinderfotografie, in dem Sie nicht nur den technischen sondern auch den psychologischen Aspekt einfühlsam beschreiben.
    Mit freundlichem Gruß,
    Walter Kunze

    1. Martin Schwabe
        September 13, 2016 at 10:08 PM
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      Hallo Walter,

      es gibt in diesen Sinne kein nur, die G1X ist eine vollwertige und gute Kamera. tatsächlich habe ich aus vielerlei Gründen inzwischen nur noch Kameras mit Wechselobjektiven, aber an den grundsätzlichen Dingen ändert dies nichts. Und Reflektoren und Blitze lassen sich natürlich auch zusammen mit einer G1X verwenden

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