Kreativ Fotografieren mit falschem Weißabgleich

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In Zusammenarbeit mit SIGMA
Das eigentliche Ziel des Weißabgleichs ist es, die Farben des Fotos dem Eindruck des menschlichen Auges anzupassen. Je nach Licht sieht das Auge ein weißes Blatt Papier natürlich auch in gelb oder blau (je nach Farbtemperatur des vorhandenen Lichts), es ist tatsächlich auch gelb oder blau, weil es das entsprechende Licht so reflektiert. Das Auge adaptiert das gesehene Bild aber und passt es den „Erfahrungen“ an.

Wir wissen, dass dieses Blatt Papier eigentlich weiß ist, also passen wir unseren Seheindruck an und erkennen weiß als weiß. Das funktioniert selbst bei extremen Farbsituationen recht gut.

Ihr kennt den Effekt vielleicht aus dem Skiurlaub: Skibrillen sind oft gelb oder orange, wenn Ihr so eine Brille aufsetzt, wirkt die Umgebung tatsächlich im ersten Moment gelb oder orange eingefärbt. Nach wenigen Augenblicken erscheint aber alles wieder normal. Das Auge hat den Weißabgleich durchgeführt.

Dies funktioniert in Grenzen auch mit Fotos. Insofern gibt es nicht den korrekten Weißabgleich. Natürlich kann man mittels Pipette eine weiße oder graue Fläche anmessen und die Einstellungen so verschieben, dass ein Neutralgrau entsteht. Allerdings führt so ein Weißabgleich dazu, dass die Bildstimmung völlig flöten geht, denn viele Bilder leben davon, dass die Farben im Bild eben nicht auf ein Neutralgrau hinauslaufen, sondern in Richtung warmes Grau (Gelbstich) oder kaltes Grau (Blaustich).

Die folgenden beiden Bilder zeigen den Effekt. Aufgenommen wurde das Foto bei Tageslicht mit einem Abgleich auf Wolken.

Bei dem rechten Bild wurde die Farbtemperatur auf einen niedrigeren Kelvinwert gesetzt (ca. 3.000 Kelvin), beim linken Bild auf einen Kelvinwert um 7.500.

Beide Bilder wirken plausibel, rechts entsteht der Eindruck eines beginnenden Sonnenuntergangs, links der Eindruck einsetzender Dämmerung. Rechts wirkt das Bild warm und angenehm, links schön kühl und frostig. Wir haben also nur mittels „falschem“ Weißabgleich die Bildstimmung geändert.

Gleiches gilt für das Blumenmakro, allerdings haben wir hier mit geringeren Unterschieden gearbeitet. Beide Aufnahmen wirken plausibel, haben aber keinen „korrekten“ Weißabgleich.

Unser Tipp: Spielt einfach mal mit den unterschiedlichen Werten des Weißabgleichs. Sofern Eure Kamera es beherrscht, stellt mal nicht nur andere Weißabgleiche wie „Kunstlicht“ oder „Schatten“ ein, sondern einen direkten Kelvinwert (der sich bei den Kameras üblicherweise im Bereich 2.500 – 10.000 Kelvin einstellen lässt).

In dieser Mischlichtatmosphäre hätte der automatische Weißabgleich versagt, daher wurde er sorgfältig manuell solange angepasst, bis der gewünschte "Look" vorhanden ist.
In dieser Mischlichtatmosphäre hätte der automatische Weißabgleich versagt, daher wurde er sorgfältig manuell solange angepasst, bis der gewünschte „Look“ vorhanden ist.

Die bisherigen Einstellungen hatten das Ziel, möglichst natürliche Farben zu produzieren. Natürlich bedeutet dabei nicht, dass es ein korrekter Abgleich auf Neutralgrau sein soll, sondern ein Weißabgleich sein kann, der eine Farbstimmung erzeugt, die wir in unserem Lebensumfeld gewohnt sind. Doch manchmal möchte man eventuell auch mit Falschfarben arbeiten, um eine besondere Wirkung zu erzielen (bekannteste Methode aus analogen Zeiten ist das „Crossen“, also Filme mit falschen Entwicklern zu entwickeln).

Crossen selbst hat nur mittelbar etwas mit dem Weißabgleich zu tun (wir schreiben dazu einen eigenen Artikel), man erzeugt aber durch das Verschieben der Farbkanäle zueinander eine andere Farbstimmung. Beim Crossen macht man es direkt in den Kanälen, man kann solche Effekte aber auch durch gezielte „Täuschung“ der Kamera erreichen, wenn die Kamera eine Funktion für einen manuellen Weißabgleich bietet.

Statt einer weißen Fläche wird eine farbige Fläche fotografiert und dann ein manueller Weißabgleich auf die gewählte Farbe durchgeführt. Der Kamera gegenüber wird vorgegaukelt, die farbige Fläche wäre weiß. Sie reagiert dann sozusagen komplementär.

Die nachfolgenden Beispiele sind relativ extrem, mit dezenteren Farben lassen sich weniger auffallende Effekte erreichen. Hier solltet Ihr einfach experimentieren. Wenn Ihr interessante Farben gefunden habt, dann lasst einfach die entsprechenden Aufnahmen auf der Speicherkarte, um jederzeit einen manuellen Falschfarben-Weißabgleich durchführen zu können.

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Die Originalaufnahme mit korrektem (automatischem Weißabgleich)

Wir haben für diese Beispiele ganz spontan im Garten stehende farbige Gießkannen genommen, weil sie einfach da standen und sich anboten. Es geht aber auch etwas gezielter: Um die Vorlagen produzieren zu können, eignen sich besonders farbige Tonpapiere, die es in Zusammenstellungen von bis zu 50 Farben beim Discounter für wenig Geld zu kaufen gibt. Ihr habt in so einem Set alle dezenten oder auch leuchtenden Farben zur Verfügung, die Ihr braucht. Um die Aufnahmen zu machen, sucht Euch eine farbige Fläche (wie zum Beispiel ein Blatt Tonpapier), stellt die Kamera auf manuellen Fokus und nehmt das Blatt oder die Farbe formatfüllend auf.

Natürlich kann man viele dieser Effekte auch später in Photoshop einbauen und an den Farbreglern drehen. Aber mal Hand aufs Herz: Wer hat nicht auch einfach mal Spaß daran mit den Möglichkeiten der Kamera zu experimentieren, ohne dabei immer gleich am Ende Photoshop anwerfen zu müssen, um stundenlang Farbregler zu drehen?

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4 Kommentare

  1. Pingback: Grundbegriffe in der Fotografie: Farbe und Weißabgleich – Fotoschule

  2. Pingback: Einführung: Licht in der Fotografie – Fotoschule

  3. Hubert Peters
      Juli 26, 2016 at 2:28 AM
    Kommentar bewerten

    Für mich war das eine unbefriedigend Erklärungen .hab den weiß und grau abgleichen drei mal gelesen und weiß immer noch nicht wie und wo die Kamera wirklich eingestellt wirt .

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