Warum die Sonne keine Punktlichtquelle ist

In Zusammenarbeit mit SIGMA
In diesem Artikel zur Schattenreihe werden wir Dir nur noch wenig Theorie zeigen. Es geht dann schnell in die praktische Anwendung mit vielen Beispielen und zugegeben einigen Fotos, die wir weniger wegen ihrer Schönheit genommen haben, sondern weil sie plausibel zeigen, was wir erklären. Schwerpunkt liegt auf der Auswirkung des Schattens auf das Foto und in welcher Form er zu sehen ist. Du erinnerst Dich an den Satz aus Teil 1 ?

„Wo Licht ist … ist auch Schatten…“

Die Aussage ist zwar sehr verkürzt, aber eben auch korrekt.

Die Lichtstrahlen, die sich überall um uns herumbewegen, werden auch überall um uns herum auf Flächen treffen und dort reflektiert. Sichtbarer Schatten entsteht allerdings nur, wenn eine Mehrzahl von Lichtstrahlen sich in derselben Richtung ausbreiten. Es muss also in irgendeiner Form eine Ausrichtung stattfinden. Durch diese Ausrichtung entstehen helle und dunkle Bereiche.

Auch unser reales Leben wird von der Methodik beherrscht.

Die Sonne ist keine Punktlichtquelle

Die Sonne übernimmt als omnipotente Lichtquelle sehr häufig das Spiel mit Licht und Schatten im Foto.
In Deiner Vorstellung ist die Sonne vielleicht ein Punkt am Himmel, der sehr viel Licht abgibt. Genau genommen ist die Sonne aber keine Punktlichtquelle. Sie hat wie jeder reale Körper eine Fläche. Sie ist damit ein (im Verhältnis kleiner) Flächenlichtstrahler.

Flächenlicht hat eine bestimmte Eigenart: Der Schatten wird mit der Zunahme der Distanz zwischen dem angestrahlten Objekt und der Fläche, auf die der Schatten fällt weicher, so auch bei der Sonne.

Schatten - Simpel2
So sähe eine Punktlichtquelle in unserem theoretischen Modell aus. Der Schatten ist – egal in welcher Entfernung – schwarz und grenzt sich durch eine harte Kante vom nicht schattierten Bereich ab.
Schatten - Simpel3
Wenn Du die reale Lichtsituation mit der Sonne als Lichtquelle betrachtest, verändert sich der Schatten mit der Distanz. Die Abgrenzung zum nicht schattierten Bereich wird weicher.
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Am oberen Bildrand gut zu erkennen. Der Schattenrand wird weicher.

Die Sonne ist zwar intensiv und sendet sehr viel Licht aus, hat aber dennoch eine Fläche, die sie einnimmt. Und so ist auf dem Foto, das Du aus dem ersten Teil schon kennst, der Schatten weicher, je weiter entfernt von den Personen der Schatten auf den Boden fällt.

Falls Du zu den Mathematikern gehörst: Anhand der Größe des weichen Rands lässt sich auch die Fläche und damit auch die Größe der Sonne berechnen.

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Auch hier ist gut zu erkennen wie die Härte des Schattens mit der Entfernung abnimmt.

So hat aber auch jede andere Lichtquelle eine Fläche, mit der sie Licht abstrahlt. Sogar eine Leuchtdiode – sei sie auch noch so klein – ist eine kleine Punktlichtquelle.

Bei den bekannten Schattenspielen an einer Wand wird oft eine Kerze genutzt. Der Schatten wirkt dann meist sehr hart abgegrenzt, denn die Kerzenflamme ist klein. Wenn Du Dir aber die Schattenkante von nahem anschaust, hat auch dieser Schatten eine erkennbar weiche Kante. Die Härte des Schattens entsteht nur durch die Nähe zur Projektionsfläche.

Was sagt uns das für die Fotografie?

Gesichter in der direkten Sonne zu fotografieren, ist immer etwas trickreich. Dadurch, dass zum Beispiel die Nase einen Schatten wirft, aber die Schattenprojektionsfläche nahe am schattierenden Objekt liegt wird der Schatten gnadenlos hart. Die Auswirkung dieses langen und harten Nasenschattens sind bekannt. Aber auch Poren, Falten, Doppelkinn, Hautunreinheiten, Haare, Ohren etc. sind von diesem Effekt nicht ausgenommen.

Eine Person in der harten Sonne zu fotografieren ist also nicht sonderlich ratsam.

Das Wort „hart“ stammt hier wahrscheinlich von dem Effekt des extremen Kontrastes des Schattens und dem knack-scharfen Schatten.

Wenn dann noch die Sonne hoch am Himmel steht, wird ein Porträt schnell zu einem bizarren Abbild der Person und wirkt nicht gefällig.

Die Position zur Lichtquelle Sonne ist dabei entscheidend.

Die folgenden Fotos sind alle während eines sonnigen Tages gemacht worden. Oft reicht es die eigene Position zu verändern, aber auch die fotografierte Person kann sich ins rechte Licht rücken – durch die Anweisungen von Dir als Fotograf.

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Untergehende Sonne als Streiflicht. Das Haar und die Wange bekommen die letzten Strahlen ab, das Gesicht bleibt aber ansonsten im Schatten. Da das Gesicht im Schatten ist, wird es sehr weich ausgeleuchtete, was dem Motiv zugutekommt. Durch den Stand der Abendsonne ist auch der Hintergrund weitestgehend im Schatten (wir befinden uns zeitlich also kurz vor der Blauen Stunde). An einigen wenigen Stellen bricht noch das warme, rote Sonnenlicht durch. Diese kleinen „Durchbrüche“ geben der Szene den wichtigen sommerlichen Anstrich.

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Modell im Schatten und der Hintergrund im strahlenden Sonnenlicht.

So erzielst Du meist gute Ergebnisse.

Der Hintergrund ist rein sachlich betrachtet an vielen Stellen überbelichtet. Dies ist aber kein Beinbruch, da Du ja das Motiv (also die Person) vom Hintergrund freistellen möchtest. Dies funktioniert nicht nur durch Unschärfe, sondern auch durch die Überbelichtung des Hintergrunds, der die Unschärfe noch verstärkt.

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Eher riskant ist das frontale Sonnenlicht.

Hier wirft bei passenden Sonnenstand kaum ein Element des Gesichtes einen Schatten, aber dennoch ist die Härte der Kontraste und die Struktur zum Beispiel am Hals zu extrem. Zudem ist dieses Licht gerade bei Brillenträgern schwierig. Die Reflexionen können von dem eigentlichen Motiv ablenken.

Eine Sonnenbrille ist da etwas unkritischer, weil die Augen sowieso verdeckt sind. Bei einer Brille mit klaren Gläsern werden die Augen teilweise überdeckt, was meist sehr unschön wirkt. Zudem ist es schwer eine Brille ständig so sauber zu halten, dass die Reflexionen auch sauber sind. Erforderlich ist also:

  • eine stark entspiegelte Brille
  • das Abnehmen der Brille
  • oder manchmal auch besser der Verzicht auf ein Foto in genau dieser Position

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In so einem Fall versuche einfach Deine Position um 180° zu drehen, mit etwas Geschick hast Du ein schickes Gegenlichtfoto.

Allerdings ist die Einstellung der Kamera für so eine Szene nicht einfach. Wenn hier die Parameter nicht stimmen, musst Du zur Bildbearbeitung greifen, um Licht in das dunkle Gesicht zu bekommen. Oder Du nutzt einen kleinen Reflektor oder eine „Bouncing Wall“ (ein Blitz geht auch). Hier sind aber oft auch Lensflares zu sehen, wenn Du die nicht als kreatives Gestaltungsmittel nutzen willst, ist eine Streulichtblende fast zwingend erforderlich.

Aber wie verhält sich ein Schatten auf der eigentlichen Projektionsfläche?

Zum Abschluss noch einige Beispiele:

Ist die Fläche glatt, bleibt der Schatten glatt. Ist die Fläche rau oder uneben wird auch der Schatten gebrochen oder besser gesagt zerfleddert.

Ein Schatten des Sonnenlichts auf eine Straße ist demnach fast scharfkantig, aber auf einer Wiese deutlich weicher.

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Die Schatten sind hier klar abgegrenzt. Du siehst zwar das genaue Wetter nicht, kannst aber anhand der Schattenlage eine ungefähre Wetterlage einschätzen. Die Bäume verraten dann auch noch die Jahreszeit.
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Die Schatten der Bäume wirken weich auf dem Rasen.
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