Porträtretusche – unverfälschende Optimierungen

porträtretusche

In Zusammenarbeit mit SIGMA
In diesem Artikel zeigen wir Euch ein paar Tipps und Tricks, mit denen Ihr in wenigen Handgriffen ein Porträt optimieren könnt. Optimieren bedeutet leichte, den abgebildeten Menschen nicht verfälschende, Retuschen. Die sehr gern als Glamour-Retusche bezeichnete Vollretusche im „TV-Zeitschriften-Titelseiten“ ähnlichem Look folgt in einem späteren Artikel (und ist naturgemäß deutlich aufwendiger). Um die einzelnen Schritte dieses Artikels nachzuvollziehen, ist es nicht wichtig, welche Software Ihr benutzt. Wir verwenden in diesem Artikel nur einfache Werkzeuge und Filter. Ihr werdet all diese Werkzeuge und Filter in ähnlicher Form in Eurem Lieblingsprogramm wiederfinden. Wir nutzen für die Fotoschule bekanntermaßen die Adobe Suite inklusive Photoshop und ACR als RAW-Konverter. Glücklicherweise imitieren viele Softwarepakete zur Bildbearbeitung den Marktführer und so sind sogar Tastenkürzel und Piktogramme meist gleich.

Zielsetzung

Bei der Porträtretusche kommt es darauf an, was man überhaupt mit dem Foto machen möchte. Eine Bearbeitung für eine werbliche Nutzung ist daher meist viel extremer als eine Bearbeitung für die persönliche Nutzung. In der Werbung ist die Haut viel glatter, die Haare glänzen und sind peinlich genau sortiert, die Farben sind gesättigt, für den Druck optimiert und meist uniform. Eine Retusche für einen Bilderrahmen auf dem Kaminsims sieht da schon anders aus. Hier das Bild direkt aus dem RAW-Konverter und eine extreme Glamour-Bearbeitung: [twentytwenty]

20120919-152518 RAW
Zum Vergleich nochmal das Originalfoto direkt aus dem RAW-Konverter.
20120919-152518 Glamour
An diesem Beispiel seht Ihr was alles machbar ist. Ob Ihr es machen wollt, hängt von eurem Geschmack ab – und, ich wiederhole es immer wieder – für wen oder was das Bild eigentlich retuschiert wird.
[/twentytwenty]

Modell miteinbeziehen

Natürlich muss man auch die Wünsche des Modells berücksichtigen. Was bei Euch eventuell noch einen natürlichen Eindruck hinterlässt, kann für das Modell verstörend wirken (beispielsweise sind Falten häufig nicht gern gesehen). Solche Eitelkeiten solltet Ihr um des lieben Frieden willens im Kopf behalten. Hautfalten sind an sich ein Zeichen von Lebendigkeit und Natürlichkeit, für manche leider nur ein Zeichen für den Verfall der Jugendlichkeit. Im oberen Beispielbild einer möglichen Glamour-Retusche haben wir sogar das Gesicht, Ohren und die Nase verschoben, verkleinert und gestaucht. Solche Manipulationen sind natürlich in der kleinen Optimierung eines Porträts nicht denkbar.

Erste Schritte

Zu den ersten Schritten gehören bei leichten Optimierungen bereits die Möglichkeiten des RAW-Konverters. Der Konverter ermöglicht schon einige Grundretuschen. Da diese Retuschen nur als Anweisung gespeichert werden und nicht das Original verändern, kann man sich hier zukünftige Bildbearbeitungsschritte sparen. Zum Beispiel gibt es in ACR (Adobe Camera RAW) eine schicke Möglichkeit verschiedene Einstellungen zu speichern. Entweder nur für das geöffnete Bild (Schnappschuss) oder als generelle Einstellung (Vorgaben). Wenn Ihr eine Serie von Fotos mit gleichen Einstellungen und der selben Lichtsituation gemacht habt, könnt Ihr eine Vorgabe auf die gesamte Serie anwenden. Dies gelingt bereits in der Adobe Bridge, Ihr braucht dafür nicht erst alle Fotos einzeln zu öffnen. Ein effektives Beispiel ist die Beseitigung eines Sensorflecks auf einem Foto mit dem in ACR befindlichen Stempelwerkzeug. Der Sensorfleck, der sich meist durch die gesamte Bildserie zieht, müsst ihn nur einmal beseitigen und das „Rezept“ des Stempelns könnt Ihr dann auf alle folgenden Bilder übertragen. Die Fotoausrichtung muss natürlich identisch sein.

Bildschirmfoto 2015-04-06 um 14.32.22
Schnappschüsse sind gut, um ein wenig herumzuspielen oder verschiedene Looks zu speichern. Sie gelten immer nur für das gerade geöffnete Foto.
Bildschirmfoto 2015-04-06 um 14.32.06
Eine Vorgabe hingegen gilt als grundlegende Einstellung. Sie kann auf andere Fotos übertragen werden.
Bildschirmfoto 2015-04-06 um 14.34.50 (2)
Die Fotos werden in der Bridge markiert und per Mausklick (rechts) wird die Grundeinstellung einfach auf die selektierten Bilder übertragen.

Bei weiblichen Modellen ist ein etwas kontrastreduziertes Ausgangsmaterial meist besser als Basis der folgenden Retusche. Bei männlichen Modellen ist der Mikrokontrast (Klarheit) hilfreicher, um dem Mann von vornherein eine herbere Note zu geben.

Die Grundretusche

Alle Hautunreinheiten und kleinere Verletzungen sind sicher niemals von irgendwem erwünscht, außer vielleicht in medizinischen Dokumentationen. Auch krankhafte Hautverfärbungen, kleine Narben oder ein ungekämmtes Haar werden eigentlich immer direkt weg gestempelt. Dazu müsst Ihr nur mit dem Stempelwerkzeug eine Stelle im Foto finden, die dann über die gewünschte Unreinheit „gestempelt“ wird. Man nimmt also eine Stelle mit dem Werkzeug auf und kopiert diese dann über die Hautunreinheit.

Was Ihr benötigt, ist das Stempelwerkzeug, der Pinsel und – wenn vorhanden – der Reparaturpinsel.

Wenn das Stempelwerkzeug einen sehr weichen Rand hat, ist der Erfolg sofort zu sehen. Bei einer harten Pinselspitze ergibt sich meist ein unschöner Rand. Wenn Ihr die Deckkraft des Pinsels etwas reduziert, müsst Ihr zwar häufiger Stempeln, aber gerade bei Farbverläufen sind die Ergebnisse meist besser. Noch besser geht es mit dem Reparaturpinsel: Er sucht sich selbst eine zu kopierende Fläche und Struktur. Ihr solltet aber auf keinen Fall jede Pore abdecken und übermalen. Ich rate daher meinen Modellen zu einem nicht deckenden Make-Up. Mittels Bildbearbeitung ist es flexibler Narben und Pickel zu entfernen. Die normalen Hautporen sind für einen natürlichen Look wichtig. Eine professionelle Visagistin kann viel Stempelarbeit sparen, in dem sie das Make-Up gezielt aufträgt. Wenn die Visagistin viel Erfahrung für ein Shooting-Make-Up hat, kennt sie diese Notwendigkeit und wird sich daher vorher mit dem Fotografen absprechen. Ein Bühnen-Make-Up ist viel deckender. Bildschirmfoto 2015-04-06 um 14.49.23 Im ersten Schritt hab ich eine kleine Verwacklung entdeckt und mit dem Filter „Verwacklung reduzieren“ abgemildert. Wie Ihr sehen könnt, arbeite ich gerne mit Smartobjekten. Smartobjekte haben viele Vorteile. Ich kann zum Beispiel den angewandten Filter auf bestimmte Bereiche des Fotos beschränken. Da die Haut glatt wirken soll, habe ich den scharf zeichnenden Filter auf die Haare beschränkt. Der Hintergrund braucht den Filter auch nicht, er soll ja weich wirken. Ein Nachteil der Smartobjekte möchte ich aber nicht verschweigen: der Speicherbedarf. Das gezeigte Bild benötigt mit allen Ebenen 1,1 GB Speicher (RAM) und kann kleinere Rechner schnell überfordern. Gespeichert ist das Bild aber deutlich kleiner.

Bildschirmfoto 2015-04-06 um 14.49.37
Was im fertigen Bild gut aussieht kann isoliert recht eigenartig aussehen. Hier seht Ihr alle Grundretuschen eingeblendet ohne das Basisbild.

Wir haben für diese Basisretusche (graue Ebenengruppe) nicht viel Zeit benötigt, was natürlich der Erfahrung und der guten Computerausstattung geschuldet ist. Für eine Retusche ist ein Grafiktablett als Eingabegerät sehr sinnvoll. Ihr findet wirklich gute Geräte (von zum Beispiel Wacom) schon für rund 50€. Es geht aber auch mit der Maus, mit etwas Übung sogar recht gut. Die einzelnen Schritte der Retusche haben wir auf verschiedene Ebenen gelegt. Über die Deckkraft der Ebenen könnt Ihr die Wirkung jedes einzelnen Bearbeitungsschrittes gezielt einstellen. Die Hautretuschen in der Bildmitte sind im endgültigen Bild etwas reduziert, um nicht zu viel Natürlichkeit zu überdecken.

Augenringe bearbeiten

Die Augenringe oder besser der Schatten der Augenhöhle haben oft nichts mit den Modellen zu tun, sondern mit dem Licht während der Aufnahme. Besonders bei bestimmten Frisuren und Sonnenständen sind diese zu stark sichtbar. Ihr könnt sie ruhig mit einem weichen Pinsel nachzeichnen. Genauigkeit ist dafür nicht erforderlich, Ihr nehmt die gewünschte Farbe mit der Pipette auf und tragt die Farbe mit einem weichen Pinsel direkt mit einer Deckung von 100% auf. Die Feinheit könnt Ihr später mit einer Ebenenmaske erzielen und dann die Ebenendeckkraft nach Wunsch regulieren. So seht Ihr bei den Sommersprossen eine Deckkraft von 20% und bei den Augenringen eine hinzugefügte Ebenenmaske, in der wir die grob eingefärbten Bereiche detaillierter ausgearbeitet haben. Bei Video/Filmaufnahmen macht dies (Augenhöhle) übrigens die Visagistin/Maske. Der Make-Up-Ton dieses Hautbereichs wird immer etwas heller gewählt als der Rest (außer bei Horrorfilmen oder bei dem Wunsch dem Modell eine durchzechte Nacht aufzutragen.)

Alle Ebenen der Basisretuschen sind eingeblendet.

Der folgende Schritt ist eigentlich keine Basisretusche mehr: Wir haben die Sommersprossen des Modells per Pinsel gezeichnet. Durch das harte Licht und das weiche Streulicht im Gesicht von oben sind die ursprünglichen Sommersprossen verblasst und entsprechen nicht dem gewohnten und gewünschten Eindruck des Modells. Wir haben diese Bearbeitung aber nicht übertrieben und eine „Pipi Langstrumpf“ aus dem Modell gemacht, sondern lediglich die vorhandenen Sommersprossen wieder etwas sichtbarer gemacht. Hier stellen wir noch einmal das RAW-Bild mit einer natürlichen Bearbeitung gegenüber: [twentytwenty] 20120919-152518 RAW 20120919-152518 Natürlich [/twentytwenty] In den nächsten Artikeln wird es schon dann schon kniffeliger. Lippenretusche ist zum Beispiel eine besondere Kunst, Hautglättung ein Spiel mit Filtern und die komplette Glamourretusche erfordert schon einiges mehr als ein Stempelwerkzeug.

Du möchtest Dein Fotowissen vertiefen?

Lerne jetzt unser neues Kursangebot kennen!



Wie hat Dir dieser Artikel gefallen?

2 Kommentare

  1. Pingback: Porträtretusche – Beauty – Fotoschule

  2. Pingback: Portraitretusche – Beauty -

Wie gefällt Dir dieser Lerninhalt?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Teile diesen Link mit einem Freund