Natürliche Porträtretusche – Teil 1: Die Vorbereitung

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In Zusammenarbeit mit SIGMA
Im Rahmen unserer kleinen Serie über Porträtfotografie gehört natürlich auch das Thema Retusche dazu, denn gerade im Bereich der Porträtfotografie gibt es sehr viele Möglichkeiten auch nach der Aufnahme die Fotos noch weiter zu „entwickeln“.

Wir sagen bewusst entwickeln und nicht verändern, denn wir bewegen uns primär immer noch im Bereich der Fotografie. Die Bildbearbeitung kann „Neues“ schaffen. Aber sie lässt sich ebenso sinnvoll einsetzen, um mit kleinen und einfachen Mitteln, die mit dem Foto geplante Bildaussage zu verstärken oder zu unterstreichen ohne sie zu verändern.

Bevor Ihr den nachfolgenden Beitrag lest, solltet Ihr Euch Folgendes verinnerlichen: Es gibt nicht „DIE“ Porträtretusche!

So wie in der Fotografie verschiedene Belichtungsmethoden bei kompetenter Anwendung zu demselben Ergebnis führen, ist es auch in der Bildbearbeitung möglich, auf völlig unterschiedlichem Weg zu demselben Ziel zu gelangen.

In diesem Teil der Lektionen rund um die Porträtretusche werden wir einige Beispiele bearbeiten, um Euch ein Gefühl für die grundlegenden Methodiken zu geben. Die meisten Schritte sind mit eigentlich jeder Software für die Bildbearbeitung umzusetzen. Wir nutzen, wie so viele andere Fotografen aus dem professionellen Bereich, in der Fotoschule gerne Photoshop – ACR – Bridge, da diese Software am verbreitetsten ist.

Dieser Beitrag thematisiert den Retusche-Klassiker: die Beautyvollretusche mit dem Ziel, die natürliche Schönheit des Modells zu erhalten und zu unterstreichen.

Die Vorauswahl

Bei der Auswahl sowohl des Fotos, als auch der Bearbeitung, solltet Ihr immer das Ziel des Fotos im Auge behalten:

  • Für was ist es bestimmt?
  • Ist es für das eigene Auge gedacht oder soll es einer bestimmten Person gefallen?
  • Soll es dem Zeitgeist und Zeitgeschmack entsprechen und so viele Betrachter wie möglich ansprechen?
  • Ist es für das Ausgabemedium geeignet?

Ihr werdet das ein oder andere Foto retuschieren, das Euch selbst gefällt, aber anderen Personen nicht. Die Fotoauswahl wird immer subjektiv sein. Schauen wir daher mal vorab, was der Duden zu dem Begriff „subjektiv“ so schreibt (Ihr werdet sehen, der Begriff ist perfekt geeignet Euch die Tragweite Eurer Auswahl zu beschreiben). Subjektiv bedeutet:

  • zu einem Subjekt gehörend, von einem Subjekt ausgehend, abhängig (Quelle: Duden)
  • von persönlichen Gefühlen, Interessen, von Vorurteilen bestimmt; voreingenommen, befangen, unsachlich (Quelle: Duden)

Wir unterscheiden dabei ganz bewusst zwischen redaktionellem Anspruch und persönlicher Verwendung. In der Redaktion geht es um Sachlichkeit und Dokumentation, bei der persönlichen Verwendung um Emotion und Gefühl.


Tipp
Wenn Ihr ein Gefühl für Euer Modell entwickeln wollt, dann lasst Euch einfach einmal selbst fotografieren und sucht dann das für euch beste Foto aus.

Schreibt Euch den Dateinamen auf und bittet dann Eure Familie und Freunde ebenfalls das schönste Foto dieser Serie auszuwählen. Ihr werdet feststellen, dass jeder seine eigene Sicht hat und die des abgebildeten Menschen auf sich selbst meist geprägt ist durch die im Gehirn abgelegte Vorstellung von Euch selbst.

Diese Sichtweise wird durch die immer aus dem selben Augenpaar gerichtete Sichtweise (Spiegel) im Gehirn generiert. Andere sehen Euch anders – denen sollte man übrigens meist mehr vertrauen, als Euch selbst.


Der erste Schritt ist die Auswahl des zu bearbeitenden Fotos. Jette hat ein sehr lebendiges Gesicht und daher ist jedes Foto irgendwie anders, selbst wenn sie in schneller Serie geschossen werden. Ich suche also ein Bild aus, das sie so darstellt wie sie (für mich) ist: frech, lebendig und lustig.

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Typisches Shooting (Set) mit Jette, kein Bild wie das andere – und das ist auch gut so. In diesem Set des Shootings gibt es aber tatsächlich sechs Bilder mit fast identischem Gesichtsausdruck.

Was hier in der Thumbnail-Ansicht auffällt ist, dass einige Fotos überstrahlt aussehen. Da die Fotos im RAW-Format vorliegen, ist es aber auch möglich, dass eine falsche Thumbnail-Ansicht vorliegt, das Thumbnail also nicht korrekt generiert wurde.

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Um diesen Fehler zu beheben, öffne ich alle ausgewählten Fotos zusammen in ACR (Adobe-Camera-Raw), markiere „Alles Auswählen“ und setze alles auf „Automatik“. Nebenbei könnt Ihr bei diesem Schritt direkt die Euch besonders ins Auge fallenden Fotos benoten und über die Rating-Funktion mit 0-5 Sternen bewerten.

Sollte jetzt immer noch ein Bild überstrahlt aussehen, könnt Ihr einfach die „Lichter“ über den betreffenden Regler reduzieren (nach links) und/oder die Belichtung. Gibt es dann immer noch keinerlei Zeichnung – auch nach deutlichen Eingriffen in Lichter und Belichtung – ist das Bild aus meiner Auswahl ausgeschieden.

Folgende Bilder des Shootings kamen nach der ersten Sichtung und der rein technischen Überprüfung in die engere Auswahl:

Technische Aspekte

Ich grenze meine Auswahl immer rein subjektiv auf Bildpaare aus verschiedenen Sets ein. Bildpaare haben den Vorteil immer mindestens eine Alternative zu meiner ersten, direkten Auswahl zu haben. Die ausgewählten Fotos sollten mich bereits als Thumbnail ansprechen. Mimik, Kontraste und Aufteilung müssen mir also direkt gefallen. Wenn ich erst ins Foto zoomen muss, um zu sehen, ob es mir gefallen könnte, sagt mir meine Erfahrung, dass ich mir in 99% der Fälle das Hineinzoomen schon hätte sparen können.

Diese so getroffene Auswahl betrachte ich dann nicht nur in der Vorschau der Bridge, sondern öffne alle Fotos vollständig im Bildbearbeitungsprogramm (in diesem Fall also Adobe Photoshop). Da es sich aber um RAW-Dateien handelt, muss ich vor dem eigentlichen Öffnen im Bildbearbeitungsprogramm die RAW-Einstellungen durchgehen. Dabei prüfe ich auch gleich die technische Qualität der Vorauswahl:

  • Sitzt die Objektivschärfe richtig – also an der richtigen Stelle (meist sollte diese in einem Auge des Modells liegen)?
  • Ist das Bild verwacklungsfrei?
  • Bricht das Bild in den hellsten Stellen des Gesichtes weg (Überbelichtung – die Lichter „fressen aus“)?
  • Ist der dunkle Teil des Bildes durchgezeichnet (oder „saufen“ die Schatten ab)?
  • Hat das Foto genug Fleisch für einen möglichen Beschnitt. (Fleisch = Rand um das Subjekt/Gesicht)?

Die RAW-Einstellungen könnt Ihr erst einmal auf „Automatik“ setzen. Wenn Ihr später ein Foto final zur Bearbeitung ausgewählt habt, werdet Ihr sowieso nochmals in den RAW-Konverter, um dem Foto in der detaillierten RAW-Bearbeitung den Schubs in die richtige Richtung zu geben.

Die Auswahl

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Meine Auswahl für den Artikel

Ich habe mich für diesen Artikel jetzt also für ein Foto entschieden. Würde ich ein Foto als Geschenk an das Modell auswählen oder ein Foto mit ganz anderer Zielsetzung aussuchen (zum Beispiel für eine Werbeanzeige), würde ich sicher ein anderes Foto wählen. Meine Auswahl ist also immer mit einem Ziel verbunden. Mein Ziel ist in diesem Fall dieser Artikel.

Das Foto öffne ich nun nochmals in ACR und nehme dort die Grundeinstellungen vor. Da die fotografierte Gesichtshälfte im Schatten der Sonne liegt, ist eine etwas hellere Grundstimmung das vordringliche Ziel der Bearbeitung.

Es war zwar ein Reflektor im Einsatz, aber die Sonne/Helligkeit auf der Schulter war für die Belichtung maßgeblich. Durch die geschickte Positionierung des Modells habe ich eine sehr feine Haarzeichnung erreicht, die ohne einen Reflektor nicht möglich gewesen wäre.
Ohne Reflektor hätte der Dynamikumfang auch neue Kameras überfordert.

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Das Bild ist nun etwas heller, aber die Lichter wurden reduziert. Klarheit ist bei weiblichen Fotos fast zwingend auf Null gesetzt, bei Männern kann über den Regler „Klarheit“ der zusätzliche „Knack“ Männlichkeit herausgeholt werden.
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ISO 200 mit einer D700 bedeutet: Kein Rauschen! Deshalb ist das Foto in der Grundeinstellung von ACR auch nicht entrauscht. Entrauschen würde zwar an dieser Stelle schon etwas Weichzeichnung ins Bild bringen, ich nutze aber lieber in den folgenden Schritten die Möglichkeiten von Photoshop direkt.
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Das Nikkor 50 mm hat sozusagen ab Werk eine leichte „Vignette“, die mir in diesem Bild gefällt, daher verzichte ich auf die angebotene Objektivkorrektur, die die Vignette komplett verschwinden lassen würde
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Ich aktiviere nun noch die Kamerakalibrierung „Camera Potrait v4“, die für ein etwas wärmeres und satteres Gesamtbild sorgt.

Die Ergebnisse

Die letzten Schritte waren etwas schnell, aber keine Sorge, wenn es Euch zu schnell ging. Wir wollten Euch schon im ersten Beitrag zu diesem Thema zu einem finalen Ergebnis führen.

Ziel dieses Beitrags ist es, Euch die grundlegenden Werkzeuge an die Hand zu geben, um eine effektive Vorauswahl zu treffen, die nur wirklich gut möglich ist, wenn Ihr die grundlegenden Möglichkeiten kennt, die Vorauswahl zu unterstützen. In den nächsten Beiträgen zur Porträtretusche werden wir Euch detaillierte Tutorials an die Hand geben, wie Ihr Schritt für Schritt eine komplette und effektive Porträtretusche durchführen könnt.

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