Das bedeutet Kontextbefreites Fotografieren

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In Zusammenarbeit mit SIGMA
In diesem Artikel stellen wir Dir die kontextbefreite Fotografie vor, wenn also Fotos Anreize des Weiterdenkens bieten, ohne ein zentrales bildprägendes Element zu zeigen.

Ein Auto auf einer Landstraße, die Mutter mit Kind auf dem Spielplatz, die Rose in einer Vase auf dem Tisch. Wir alle kennen diese Fotos. Wir folgen bei diesen Fotos dem System des deutschen Satzaufbaus: Subjekt – Prädikat – Objekt. Das muss nicht zwingend etwas falsches sein, kann in manchen Fällen aber auch langweilig sein. Es wiederholt sich der ein bestimmter Fotoeindruck der Beliebigkeit, der nicht unbedingt das Interesse der Betrachter weckt.

Wir kamen zu diesem Artikel durch die diesjährige Art Cologne. Die Fotos und Objekte der zeitgenössischen Ausstellungshallen machen häufig Gebrauch von dieser Form der Kunst. Wenn man sich die Erlöse eines Andreas Gursky auf dem Kunstmarkt anschaut – das Bild Rhein II erzielte über 3 Millionen Euro bei Christie’s – wird sicher nicht nur uns schwindelig. Gursky ist dieser Art der Fotografie deutlich zugetan und viele seiner Werke lösen sich von der Sichtweise des normalen Bildaufbaues.

Motiv bedeutet ja in gewisser Weise auch Motivation: die Motivation den Betrachter am Bild teilnehmen zu lassen. Mit einem typischen Objekt, Subjekt, Prädikat-Aufbau macht man es dem Betrachter einfach – ohne Kontext ist der Betrachter schon weit mehr gefordert. Er kann und muss sich sein eigenes Bild machen. Wir wollen Euch Wege aufzeichnen, sich dieser Art der Fotografie zu nähern.

Neubetrachtung bereits gemachter Fotos

Jeder ambitionierte Fotograf mit Digitalkamera hat sicher einiges an Fotos auf seinem Rechner. Diese Fotos sind meist nach dem Datum des Shootings oder des Fotoausflugs und nach so simplen Kriterien wie gut und schlecht sortiert. „Gut“ und „Schlecht“ ist immer subjektiv und so kann es sein, dass man unter seinen Fotoleichen später noch wahre Schätze findet.

Eine spätere, erneute und andersartige Betrachtung bei der Auswahl hilft oft, die Fotos neu zu bewerten und aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Manchmal kann sogar eine neue technische Form der Betrachtung helfen, einen anderen Blick auf den „Wert“ eines Fotos zu bekommen.

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Man weiß nie, was man noch in seinen Fotos an Schätzen findet.

Meistens werdet Ihr Eure Fotos am Computermonitor sortieren. Der Monitor ist im Idealfall kalibriert und steht an einem festen Ort.

In der Bedienung der Programme zur Auswahl seid Ihr routiniert und ein Kaffee neben der Tastatur macht die Auswahl zu einem gewohnten Prozedere. Ein einfaches Wechseln auf einen anderen Monitor in einem anderen Raum (Fernseher zum Beispiel) wirkt Wunder. Auch ein neues Umfeld der Betrachtung kann wichtig sein. Wir empfehlen Euch einfach mal die Fotosammlung auf ein Tablett zu ziehen und diese Sammlung dann zum Beispiel in einem Park neu zu betrachten.

Das Beispiel mit dem Tablett hat noch einen weiteren Vorteil: Das Bild ist sozusagen bereits gerahmt und durch die Möglichkeiten, das Bild auf dem Tablett zu zoomen und zu drehen, entstehen tolle neue Eindrücke. Gerade der Beschnitt und die Drehung macht aus einem gefühlt schlechtem Foto oft ein wunderschönes Werk.

Auch ein (günstiger) Druck aller Fotos beim Internetdrucker ist eine Möglichkeit, sich seiner eigenen Werke neu zu nähern. Sie ist aber deutlich aufwendiger und natürlich erheblich teurer (hält sich aber durchaus in vertretbaren Grenzen). Profis kommen um diese Form der Auswahl nicht herum. Sicher habt Ihr solche Auswahlszenen schon oft im Fernseher gesehen: „Heute haben wir kein Foto für dich“.

Macht Euch einfach mal den Spaß, lasst 100 Fotos ausdrucken und gebt die verschiedenen Leuten zum sortieren. Links die, die gefallen und rechts die, die nicht gefallen. Ihr werdet erstaunt sein, wie unterschiedlich die Auswahl ausfallen wird.

Der Schnitt

Am Beispiel des beliebten Fotomotivs der „Gehry-Bauten“ in Düsseldorf möchten wir uns dem Thema des Bildschnittes nähern – natürlich bezugnehmend auf unser Artikelthema. Über den generellen Bildschnitt werden wir sicher in anderen Artikel tiefer eingehen. In diesem Artikel sind Dinge wie der „Goldene Schnitt“ nicht wichtig; können sogar unseren Ansatz unterlaufen.

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Die berühmten Gehry-Bauten in Düsseldorf. Gern und oft fotografiert. Trennt man das Gebäude vom Boden und Himmel entsteht eine neue Sichtweise.

Die Gebäude sind bestimmt schon aus jeder Position und jedem Winkel fotografiert worden und unser Beispiel ist sicher nicht das kreativste Beispiel. Dennoch wird hier sichtbar, wie der Schnitt ein „normales“ Foto zum einem „Fotoschatz“ machen kann.

Eines der Gebäude ist krumm und schief und durch das polierte Metallfitting ein riesiger Zerrspiegel. Durch diese Bauweise ist bei jeder neuen Wetterlage ein neues Foto der Gehry-Bauten möglich, ohne das es langweilig wird. Neu bezieht sich natürlich nur auf Farben und Kontraste, die Form an sich bleibt immer erhalten, auch wenn sie durch Licht und Kontraste immer neu aufgelöst wird. Wie Ihr an den folgenden Bildern sehen könnt, ist der Beschnitt ausschlaggebend.

Ohne Beschnitt wirkt das Foto recht spannungslos. Erst durch das Kappen des Nachbargebäudes, des Bodens und des Himmels wird das an sich eher unspektakuläre Motiv spannend.

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Im RAW-Konvert ACR von Adobe haben wir dem Foto ein wenig farblich auf die Sprünge geholfen. Man spricht hier gerne vom Knack des Fotos.
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Aber erst der heftige Schnitt macht aus dem geknipsten Foto ein ansprechendes Bild.

Wie schon erwähnt ist der Schnitt ins Foto eine Sache für sich. Das Verhältnis von Höhe zur Breite kann schon extrem wichtig sein. Nicht nur für die Bildwirkung, sondern auch für die Weiterverarbeitung. Wo will ich das Foto wie präsentieren? Auf Monitoren oder als Druck, gerahmt oder randlos. Aber macht euch da nicht zum Sklaven der Zukunft.

Der Schnitt soll zu aller erst dem Bildaufbau dienen und nicht der zukünftigen Ausgabe.

Quadratischer Schnitt

 

Erst der quadratische Schnitt macht aus diesen Fotos schöne oder spannende Bilder. Das dritte Foto dieser Reihe konfrontiert den Betrachter mit bekannten Reizen (Laub auf Wiese), ein anderes Foto mit visuellen Fragezeichen (Kinderrutsche auf verlassenem Spielplatz). Der Fußballplatz hinter multiplen Zäunen und Netzen stellt dem Betrachter Fragen und die Grasspitzen im Schnee sind durch die simple grafische Wirkung eindrucksvoll.

Unkonventionelle Verhältnisse

Auch das Abtrennen von Objekt/Subjekt-Informationen in krassen Seitenverhältnissen kann viele Möglichkeiten aufzeigen. Wichtig ist im Grunde nur, das der Schnitt sich des typischen Bildaufbaumusters entledigt.

Geknipse - 2015 Karneval, Dom und Kaufhof
Auch hier wird aus einem bekannteren Objekt ein kontextloses Motiv. Ran ans Motiv und gezielt auf räumliche und identifizierende Informationen verzichten kann helfen. Der Verzicht auf Farbe fügt dieser Sichtweise noch etwas hinzu, in dem man etwas entfernt.
Stitched Panorama
Bevor ihr euch zulange fragt, es ist ein Teil von Sibirien. Erst ohne Horizont ergibt sich eine spannende Betrachtung des recht häufig zu sehenden Motivs der Landschaftsfotografie aus dem Flugzeug heraus.

 

Strukturen + Muster

Was sich häufig anbietet, ist die abstrakteste Form der kontextlosen Fotografie: die Muster- und Strukturfotografie. Da sich das Gehirn an Mustern erfreut, ist es naheliegend, sich auch fotografisch den Mustern zu nähern. Ihr werdet Euch vielleicht wundern, aber unser Umfeld ist durch unglaublich viele Muster bestückt. Ob es Straßenflaster oder gewachsenen Strukturen sind – sie begleiten unser tägliches visuelles Wahrnehmen.

Wenn Ihr diese Muster von störenden Elementen durch den Schnitt befreit, entstehen spannende Fotografien. Wir haben ganz bewusst unseren Beispielbildern keinen Bildtext hinzugefügt, da dieser das Losgelöstsein wieder konterkarieren würde.

 

Kontextlose Objekte

Natürlich müssen es nicht nur Muster sein. Es darf auch mal ein Objekt abgebildet sein. Dieses Objekt sollte aber mehr Fragen aufwerfen, als sich dem vermeintlichen Kontext zu nähern.

Ein Ausgangsschild in einer Bahnhofsunterführung stellt an und für sich keine Kunst dar. Erst die verschmutzte, nicht sauber gekachelte Wand und der ins Nirgendwo zeigende Pfeil macht aus diesem Motiv überhaupt ein Bild. Auch die Uhr ohne Zeiger vermittelt mehr Fragen als Antworten und ist grafisch ein Hingucker. Entzieht man der gezeigten Hecke mit Hinweisschildern noch zusätzlich die Farbe, kann dieses Bild etwas Bedrückendes hervorrufen.

 

 

Wie Ihr seht, ist es möglich, schon mit altem Material neue Bildeindrücke zu generieren.

Wenn man sich die Zeit nimmt auch schon beim Spaziergang mit der Kamera auf solche Motive zu achten, werdet Ihr sogar noch bessere Ergebnisse erzielen, als bei der nachträglichen Umdeutung früherer Fotos. Vielleicht erzielt Ihr nicht die Erlöse wie Gursky, aber zumindest werdet Ihr damit bei vielen anderen Menschen etwas auslösen.

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