Himmelwärts – So erstellst Du 360°-Kugelpanoramen

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In diesem Artikel dreht sich alles um 360°-Kugelpanoramen. Ich stelle Dir nicht nur das Novoflex Panorama-Aufnahmesystem vor, sondern zeige Dir zudem wie Du gekonnt Kugelpanoramen erstellst und welche Software Du bei der Verarbeitung zu 360°-Kugelpanoramen verwenden kannst. Dieser Artikel stammt aus dem ColorFoto-Magazin 09-2016.

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Novoflex VR-System Slant: Das „schräge“ Novoflex-System für schnelle Kugelpanoramen besteht aus Panoramakopf, Schnellkupplung und Kameraplatte; dazu benötigt man noch ein Einbeinstativ und eine Wasserwaage. Fotograf: Maximilian Weinzierl

Wenn man im Hauptraum der Weltenburger Asamkirche steht, ist man erst mal überwältigt von der prachtvollen Ausstattung. Reiche Verzierungen, Gold und Marmor, unzählige Details; Statuen und Gemälde, die Geschichten erzählen. Und alles strebt empor zur Kuppel, die den Himmel versinnbildlicht – mit Gottvater, Jesus und Maria. Und im Zentrum von allem schwebt der Heilige Geist. Wie kann diese Fülle von Motiven auf einem Foto festgehalten werden?

Eine Möglichkeit besteht darin, ein 360°-Kugelpanorama anzufertigen, in dem der Betrachter visuell spazieren gehen kann. Eine großartige Illusion, bei der jeder selbst bestimmt, was er im Raum ansehen will. Die Produktion der benötigten runden Einzelbilder soll aber in der Kirche möglichst ohne großes Aufsehen zu erregen ablaufen. Novoflex hat für solche Gelegenheiten ein Panorama-Aufnahmesystem konzipiert, das mit der Kamera auf dem Einbeinstativ funktioniert – quasi im Handumdrehen.

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Kloster Weltenburg: Die Klosteranlage an der Donau ist immer einen Besuch wert, sei es wegen der weltbekannten Asamkirche oder wegen der Klosterschenke mit dem berühmten dunklen Bier. Die Bilder im Innenraum der Asamkirche entstanden mit freundlicher Genehmigung durch den Abt der Benediktiner-Abtei St. Georg in Weltenburg, Thomas M. Freihart OSB. Fotograf: Maximilian Weinzierl

Komponenten und Justage

Panorama-Equipment

Die Bilder für diese 360°-Kirchen-Kugelpanorama-Experimente wurden mit dem Sigma 3,5/8 mm EX DG an den Vollformatkameras Nikon D800 und Nikon D810 fotografiert. Mit einem Bildwinkel von 180° in alle Richtungen ist das lichtstarke Fisheye-Objektiv ideal geeignet für sphärische Panoramen. Ferner kamen zum Einsatz: das Novoflex VR-System Slant, bestehend aus der Schnellkupplung Q= Mount, dem Panoramakopf QPL VR-Slant und der Kameraplatte; zudem ein Novoflex-Einbeinstativ und die spezielle Wasserwaage für Einbeinstative.

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Fotograf: Maximilian Weinzierl

Zusammenbau

Als Erstes wird die Kamera samt Objektiv auf die blaue Kameraplatte montiert (1); dabei ist darauf zu achten, dass die Kameraplatte nicht über die Frontlinse des Objektivs hinaussteht, sonst wird sie am unteren Bildrand sichtbar. Der zusätzliche Anschlag hält die Kamera parallel zur optischen Achse. Kamera samt Platte werden dann in der oberen Kupplung des Handgriffs befestigt (2).

Die obere Kupplung ist für die hier verwendete Kamera-Objektiv-Kombination um 8° nach oben geschwenkt (3). Für andere Kombinationen ist gegebenenfalls ein anderer Winkel erforderlich (bis 15° möglich). Als Nächstes wird die untere Klemmplatte justiert (4): Die Senkrechte der optischen Achse (Mittelpunkt der Frontlinse) muss mit der Mitte-Markierung an der Klemmplatte übereinstimmen.

Zur Justierung der oberen Klemmplatte ist ein kleiner Aufbau nötig (5): Vor der Kamera steht dazu eine Senkrechte im Abstand von 70 cm (hier aus Novoflexstangen zusammengebaut) und dahinter an der Wand im Abstand von rund 270 cm eine Skala mit Zahlen. Die Mitte der Kamera (zentrales AF-Feld) wird auf die senkrechte Stange ausgerichtet. Jetzt erfolgt nach einer Drehung des Kameraaufbaus um eine halbe Schrittweite nach links (bei 4 Schritten für ein Panorama ist ein Schritt 90°, ein halber also 45°) eine Testaufnahme und eine zweite von der ursprünglichen Mitte aus um 45° nach rechts gedreht.

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(5) – Fotograf: Maximilian Weinzierl

Die Bildresultate (6,7) sind unterschiedlich. Die Kamera wird nun auf der oberen Klemmplatte so weit verschoben, bis die Resultate identisch sind (8,9).

 

Später steht das Aufnahmesystem auf einem Einbeinstativ, das ist ja der große Vorteil des VR-System Slant (10). Für Aufbau und Justierung aber ist es zweckmäßig, das System zunächst auf ein Dreibeinstativ zu montieren. Wenn die untere Kupplung zudem gegen eine schrittweise rastbare Drehplatte (11) mit integrierter Wasserwaage ausgetauscht wird, lassen sich die Winkelschritte exakt ausführen, ohne dass dabei das Dreibeinstativ selber gedreht werden muss.

3, 4 oder 5 Aufnahmen

Das Equipment transportiert man am besten in zerlegtem Zustand zum Aufnahmeort. Dort angekommen, ist es aufgrund der eingravierten Skalen an den Schienen (die Einstellwerte merken oder markieren!) und den Schnellkupplungen mit Schwalbenschwanzprofil schnell zusammengebaut und in justiertem Zustand. Das Fotografieren läuft folgendermaßen ab: Kamera positionieren, Belichtung und Entfernung einstellen, das System nach der Wasserwaage ausrichten und auslösen.

An Locations mit Menschenandrang wie in der Weltenburger Asamkirche empfiehlt es sich, auf einen Zeitpunkt auszuweichen, wo möglichst keine Besucher vor Ort sind, zum Beispiel ganz früh am Morgen. Personen im Raum, die sich von Aufnahme zu Aufnahme von der Stelle bewegen, würden später eine weitreichende Retusche in einem Bildbearbeitungsprogramm erforderlich machen.

Eigentlich wären für den Zusammenbau eines fast lückenlosen 360°-Kugelpanoramas drei Fotos ausreichend. Dazu müsste aber die Kamera auf dem Einbeinstativ jeweils um 120° – und zwar ziemlich exakt – weitergedreht werden; ein Drehwinkel, der ohne Hilfsmittel vom Fotografen nur schwer abzuschätzen ist. Besser, man entscheidet sich für vier Aufnahmen (A, B, C, D) und dreht das System dabei um jeweils 90° weiter. Diesen 90°-Winkel kann man freihand leichter realisieren. Zur späteren Berechnung des Panoramas steht zudem ein größerer Überlappungsbereich zur Verfügung.

Da die Kamera mit dem Fisheye-Objektiv auf dem Slant-System um 8° nach oben gekippt ist, kann auf eine zusätzliche Aufnahme des Zenits (Decke) verzichtet werden. Allerdings entsteht durch die Neigung nach oben ein Bodenloch (F). Damit das Loch in der späteren Verarbeitung repariert werden kann, braucht man ein fünftes Bild – und zwar vom Boden. Dazu wird mit der freihändig gehaltenen Kamera nach unten fotografiert (E).

Dabei ist es unvermeidlich, dass der Fotograf mit aufs Bild kommt.

Das Bodenloch könnte auch, je nach Strukturierung des Bodens, im Nachhinein in Photoshop etc. wegretuschiert werden. Ein Rasen ließe sich zum Beispiel leicht digital auffüllen, ein Bodenmosaik ist weit schwieriger. Bei einem komplizierten, fein strukturierten Boden könnte man auch die Kamera auf dem Slant-System nach unten geneigt montieren. Dann ist der Boden perfekt auf dem Bild, und das Loch entsteht im Himmel. Wenn es sich dabei zum Beispiel um eine durchgehend weiße Decke handelt, ist die Retusche kein Problem. Man entscheidet von Fall zu Fall, was den geringeren Aufwand nach sich zieht. Der gesamte Ablauf geht dann viel schneller vonstatten, als er hier beschrieben werden kann.

Anmerkung: Einige geringe Passerprobleme gibt es speziell bei diesem Bild im Bereich der Bodenplatten, was kleinen Abweichungen bei den fünf Einzelaufnahmen zuzuschreiben ist. Da kann man später bei der Verarbeitung der Einzelbilder solange herumschieben, bis es einigermaßen passend ist und nicht mehr auffällt, man kann die Ungenauigkeiten in Photoshop mit dem Pinselwerkzeug etc. retuschieren oder sie einfach tolerieren – als Zugeständnis an das Schnell-Panorama.

Verarbeitung zum 360°-Kugelpanorama

Stitching-Software

Auf dem Software-Markt gibt es eine ganze Reihe von guten Stitching-Programmen, ich habe hier die Software PTGui Pro verwendet.

Das Programm, das es nur in englischer Sprache gibt, arbeitet mit Automatiken, die auch dem Einsteiger schnelle Erfolge ermöglichen. Du kannst eine kostenlose Trialversion von PTGui downloaden. Sie ist voll funktionsfähig, jedoch erscheint ein Wasserzeichen im gespeicherten Bild: www.ptgui.com/download.html

Man kann als Erstes getrost auf die Vorgaben vertrauen, denn sie bringen überraschend gute Ergebnisse. Erst wenn dann spezielle Probleme auftreten oder besondere Beeinflussungen des Bildergebnisses gewünscht sind, kann sich der Anwender in die zunächst verborgenen Registerkarten („Advanced“ anklicken) begeben und dort die manuellen Einstellmöglichkeiten ausloten. Sofern aber das Bildmaterial entsprechend gut fotografiert wurde, ist das Kugelpanorama mit ein paar Handgriffen erstellt:

(7) – Im PTGui Viewer kontrolliert man zuerst in einer Low-Res-Vorschau, ob der Zusammenbau gelungen ist, und lässt dann im Project Assistant das Panorama in hoher Qualität rendern – das kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Fotograf: Maximilian Weinzierl

Kommentar

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Maximilian Weinzierl, Profifotograf und Fachjournalist. Foto: Helmut Meindl

Wenn ein schnelles Kugelpanorma erstellt werden soll, ohne weitere Aufbauten und ohne dabei aufzufallen, dann ist das VR-System Slant für Fotos mit dem Einbeinstativ unschlagbar. Kleinere Passerprobleme, die manchmal (wie bei jedem herkömmlichen Panoramasystem auch) auftreten können, dürfen nicht dem System angelastet werden; die sind vom Fotografen verursacht, der das System nicht exakt ausgerichtet hat.

Anleitung im Video

Die Beschreibung der Kugelpanorama-Produktion klingt viel aufwendiger, als sie tatsächlich ist. Den Ablauf der Aufnahmen in der Asamkirche sowie die anschließende Verarbeitung der Einzelbilder und das fertige Panorama zeigen wir in einem kurzen YouTube-Video unter: youtu.be/X3g8bjjFnx4

Tipps zum Ablauf

Im Wasser

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Fotograf: Maximilian Weinzierl

Voraussetzung für das Gelingen des Panoramas ist die genaue Ausrichtung der Kamera. Die Novoflex-Kupplungsbasis hat zwar eine integrierte Wasserwaage, diese kann aber wegen des gekippten Kameraaufbaus unter Umständen schlecht einsehbar sein.

Spezial-Waage

Fotograf: Maximilian Weinzierl
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Als Zubehör gibt es eine anklemmbare Wasserwaage; das Ausrichten der Aufnahmeeinheit geschieht mittels einer großen, gut sichtbaren Nivellierlibelle. Praktisch: Nach jeder Aufnahme dreht sich auch die Wasserwaage mit dem Einbeinstativ weiter.

Einstellungen

Fotograf: Maximilian Weinzierl
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Zwar können viele Stitching-Programme Belichtungs- und Farbdifferenzen bis zu einem gewissen Grad automatisch ausgleichen, am besten aber stellt man Blende, Zeit und Weißabgleich manuell ein. Damit ist die Belichtung bei allen Fotos identisch.

Bracketing

Fotograf: Maximilian Weinzierl
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Bei sehr großem Motivkontrast ist es sinnvoll, mit jeder Auslösung drei Belichtungsvarianten aufzunehmen (+/-1). Die HDR-Verrechnung der Einzelbilder kann dann entweder vor dem Stitching manuell oder gleich zusammen mit dem Stitching durch PTGui erfolgen.

Manuelle Schärfe

Fotograf: Maximilian Weinzierl
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Der Autofokus sollte abgeschaltet werden. Da mit einem Weitwinkel-Objektiv und im Fern bereich fotografiert wird, ist schon bei geringer Abblendung (5,6 oder 8) alles scharf. Man stellt am besten einen geeigneten Wert ein und fotografiert damit alle Bildvarianten.

Feststeller

Fotograf: Maximilian Weinzierl
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Es kann passieren, dass man beim Hantieren mit dem Panoramaaufbau versehentlich den Einstellring in den Nahbereich verschiebt. Ein Stück Textilklebeband – und man braucht an das Einstellen und Beibehalten der Schärfe keinen Gedanken mehr zu verschwenden.

Fazit

In diesem Artikel habe ich Dir das Novoflex VR-System Slant ausführlich vorgestellt und gezeigt wie Du es im Rahmen der 360°-Kugelpanorama Fotografie richtig anwendest. Zudem habe ich Dir einige hilfreiche Tipps an die Hand gegeben, mit denen Du professionelle Kugelpanoramen erstellen kannst. Für die Arbeit am Computer kennst Du nun eine gute Software, mit der Du super leicht Kugelpanoramen erstellen kannst. Ich wünsche Dir viel Spaß beim Ausprobieren!

Weitere Tipps für die Fotopraxis, Tests der aktuellen Kameramodelle und alle Neuheiten und Trends in der Fotobranche erhältst Du im monatlichen ColorFoto-Magazin.

Autor: Maximilian Weinzierl

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4 Kommentare

  1. Mario Frost
      Oktober 16, 2016 at 10:21 AM
    Kommentar bewerten

    Das ist ein toller Beitrag, aber gibt es für PTGui auch eine Alternative? Denn der Link geht wohl nicht mehr.

    1. Tom Schimmelpfennig
        Oktober 16, 2016 at 10:57 AM
      Kommentar bewerten

      Hallo Mario,

      unter http://www.ptgui.com/download.html findest Du die Software zum Download.

  2.   Oktober 5, 2016 at 6:59 PM
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    Mit diesem Equipment ist der Profi sicherlich gut gerüstet, aber was macht der Amateur??
    Nicht jeder kann sich eine derartige Ausrüstung leisten oder wollen, also bin ich der Meinung, der Artikel sollte auch Alternativen aufzeigen. Ansonsten gut beschrieben wie immer.
    Weiter so
    Gruß Klaus-Dieter

  3.   Oktober 5, 2016 at 12:46 AM
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    Novoflex vr-slant ist sicher ein hervorragendes Stativkopfsystem. Ich nutze es gerne und der Verlust einer Anpressschraube bei der Arbeit wurde mit einem Anruf bei Novoflex umgehend als Problem beseitigt. Auf dem Einbeinstativ mit Wasserwaage kommt man schnell zu sehr guten Ergebnissen. Die Technik ist ja gut beschrieben. Ich habe zu Anfang häufiger die Bodenplatte vergessen, gerade dann, wenn es schnell gehen musste. Wichtig für die Maskierungen ist, das eigene Schattenbild in jeder Einzelaufnahme so zu verändern, dass keine großen Löcher entstehen.
    Bei der Software wird von Profis immer ptgui gelobt, sicher nicht unberechtigt. Das leistungsstarke Panoramastudio pro von Tobias Hüllmandel muss ich aber explizit loben. Es kann fast alles und ist in der Geschwindigkeit beim Stiching super. Das Handling ist excellent – auf deutsch erläutert. Kugelpanos als little planet Projektion – ein,zwei Klicks. Html5-Publikation mit vielen Features im www ist easy. Support herausragend!!! Übrigens: ich mache auch vollsphärische Luftbildpanoramen mit dieser Software und Fisheye.

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