Gestaltungsprinzipien und formaler Bildaufbau: Perspektive

In dieser Artikelserie betrachten wir Gestaltungsprinzipien und den formalen Bildaufbau. Aus welchen Elementen und Sichtweisen besteht eine Komposition?

Maximilian Weinzierl geht weniger der Frage nach, wie ein Bild technisch gelingt, sondern erklärt vielmehr wie und warum es – jenseits von richtig belichtet und scharf – den Betrachter länger als ein paar Sekunden in den Bann zieht. Kurz: Wie wird ein Foto zum Hingucker?

Dieser Artikel stammt aus dem ColorFoto-Magazin 02-2018.

Was ist Perspektive?

Perspektive ist die Sichtweise der Kamera. Manchen Fotos fehlt einfach das gewisse Etwas. Eine probate Möglichkeit, ein Bild interessanter zu gestalten, ist der gezielte Einsatz der Perspektive. Verändere den Blick der Kamera auf das Motiv mit diesen Möglichkeiten:

Fluchtpunkt

fluchtpunkt
Nikon D810 | 28mm | ISO64 | f/8 | 1/160s
Foto: Maximilian Weinzierl

Die Geraden, die in der Realität parallel zueinander verlaufen, treffen sich in einem Punkt am Horizont. Der Effekt tritt sehr plastisch auf, weil der Fotograf einen erhöhten Standpunkt eingenommen hat.

Goldener Schnitt und der knallrote LKW erzeugen zudem Spannung. Obwohl wir einen Widerspruch sehen, zweifeln wir keinen Augenblick daran, dass die Autobahn durchs Meer hinten genauso breit ist wie vorne.

Vergleichsgrößen

vergleichsgrößen
Nikon D810 | 19 mm | ISO 64 | f/8 | 1/320 s
Foto: Maximilian Weinzierl

Weitwinkelansicht steil von unten nach oben einer Betonplastik von der Pferdeverladung im Leuvehaven Rotterdam. Die Plastik gewinnt einen enormen Bedeutungszuwachs gegenüber der Skyline im Hintergrund.

Durch minimales Vor- und Zurückgehen wurde zudem der ideale spannungstragende Luftabstand zwischen Gebäude und Verladebox ermittelt.

Schau mir in die Linse, Kleines

schau mir in die Augen
Nikon D700 | 105 mm | ISO 200 | f/13 | 1/125 s
Foto: Maximilian Weinzierl

Bei Personenaufnahmen kann der Kamerastandpunkt die Bildaussage entscheidend beeinflussen. Blickt die Kamera auf eine Person hinab – bei Kindern ist das oft der Fall –, wirkt diese klein, schutzbedürftig und kindlich.

Schaut die Kamera von unten zur Person hoch, attribuiert der Betrachter eher Hochnäsigkeit und Arroganz. Ein Porträt in Augenhöhe akzeptiert die Person als gleichberechtigtes Gegenüber.

Mit der Schwanenfamilie auf Wasserlinie

Mit der Schwanenfamilie auf Wasserlinie
Panasonic DCM | 28 mm | ISO 200 | f/3,3 | 1/60 s
Foto: Maximilian Weinzierl

Die Perspektive von unten steil nach oben ist als Froschperspektive bekannt. Die Kamera befindet sich knapp über dem Wasserspiegel und schaut zum etwa 80 cm entfernten Schwanenpaar hoch.

Diese Ansicht gibt ihm eine majestätische Erscheinung und bringt auch noch die Wasserspiegelung mit ins Bild.

Vom Turm hinab

Vom Turm hinab
Nikon D700 | 70 mm | ISO 200 | f/4,5 | 1/800 s
Foto: Maximilian Weinzierl

Die Perspektive eines hoch fliegenden Vogels. Der Fotograf steht aber auf dem Turm der Dreieinigkeitskeitskirche in Regensburg. Die Vogelperspektive – hier ohne sichtbaren Horizont – gewährt Einblicke in die Umgebung wie in ein Miniaturwunderland.

Zudem ergibt sich durch den Schattenverlauf mit Fensterspiegelungen eine interessante Zweiteilung des Bilds.

Kräutertee mal anders

Das ist ein Symbolbild, wie man es zu Erkältungszeiten dutzendfach in der einschlägigen Presse findet (links): langweilig. Der Perspektivwechsel (rechts) erzeugt Spannung im Bild, da der Betrachter den Inhalt nicht auf Anhieb deuten kann und erst einmal irritiert ist.

Perspektivische Komposition

perspektivische Komposition
Nikon D810 | 22 mm | ISO 64 | f/25 | 1/13 s
Foto: Maximilian Weinzierl

Das Größenverhältnis von Vordergrund- zu Hintergrundmotiv ist durch das Annähern oder Entfernen der Kamera beeinflusst. Je mehr sich hier beim Rembrandt-Denkmal am Rembrandtplein in Amsterdam die Kamera an die erste Figur (rechts) annähert, desto bildbestimmender wird diese und desto mehr verdeckt sie von der Hintergrundfläche.

Zusammen mit einer leichten Untersicht werden damit gezielt Umgebungsdetails wie Werbeflächen und Personen ausgeblendet.

Fazit

In diesem Artikel haben wir Dir verschiedene Perspektiven gezeigt und erklärt, warum es sich manchmal lohnt, ein Motiv aus einer anderen Perspektive als gewohnt zu fotografieren. Im nächsten Teil dieser Serie geht es dann um die Bildaufteilung. Dieser Artikel erscheint am 11.05.2018.

Autor: Maximilian Weinzierl

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5 Kommentare

  1.   Mai 8, 2018 at 7:44 PM
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    Vielen Dank, sehr interessant. Es ist gut, nochmal alles von Anfang an durchzugehen und zwar systematisch.

  2. Anita Beck
      Mai 3, 2018 at 9:52 AM
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    @ Alaska 96……richtig, auch ich bin dieser Meinung . Ich habe vor langer Zeit viel ,sehr viel bei Herrn Bugdoll in verschiedenen Kursen, Zoos, Bot.Garten und…. gelernt und wende diese Erfahrungen natürlich immer noch an . Ich hoffe, daß man das in meinen Fotos in der fotocommunity.de nachvollziehen kann. Man lernt ja nie aus….Leider habe ich momentan nicht viel Zeit … aber das kann sich ja noch ändern.
    Grüße Anita Beck

  3. Ralf
      April 19, 2018 at 1:27 PM
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    Guter Grundlagenartikel, sehr anschaulich!
    Wie hast du es geschafft, so nah an ein Schwanenpaar mit Küken heran zu kommen, ohne attackiert zu werden?
    LG
    Ralf

  4. THR Cadolzburg
      April 16, 2018 at 10:31 AM
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    Man könnte es auch so zusammenfassen:
    ” Zeige dem Betrachter die Szene oder das Motiv möglichst so, wie er es selber noch nie gesehen hat!”
    Beispiel:
    http://www.fotocommunity.de/photo/komet-thr-cadolzburg/14701850
    LG Thomas

  5. Alaska96
      April 14, 2018 at 3:28 PM
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    Das ist die Art, wie ich sie gerne mag!!
    Ein Foto muss eine Geschichte erzählen können ;-)

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