Gestaltungsprinzipien und formaler Bildaufbau: Leere

In dieser Artikelserie betrachten wir Gestaltungsprinzipien und den formalen Bildaufbau. Aus welchen Elementen und Sichtweisen besteht eine Komposition?
Maximilian Weinzierl geht weniger der Frage nach, wie ein Bild technisch gelingt, sondern erklärt vielmehr wie und warum es – jenseits von richtig belichtet und scharf – den Betrachter länger als ein paar Sekunden in den Bann zieht. Kurz: Wie wird ein Foto zum Hingucker?
Dieser Artikel stammt aus dem ColorFoto-Magazin 06-2018.

Freie Flächen

Freie Fläche im Bild. Manchen Bildern fehlt einfach das gewisse Etwas. Komponiere ein Bild spannender, indem Du mal die Leere als Gestaltungselement miteinbeziehst. Das kreative Spiel mit freien Flächen, irritierend und nicht einfach, wenn es aber gelingt, entstehen außergewöhnliche Bilder mit einer ganz eigenen Ausdruckskraft.
Das Bildkonzept „Leere“ scheint auf Anhieb kontraproduktiv zu sein, wollen wir Fotografen doch Bilder mit interessanten Inhalten produzieren, etwas Sehenswertes abbilden, etwas Eindrucksvolles festhalten.
Wenn wir aber „Leere“ an sich fotografieren, resultieren daraus nur leere Bilder. Es gilt vielmehr, zum einen unter einem formalen Aspekt die „Leere“ einer „Nicht-Leere“ als Kontrast gegenüberzustellen, um damit Spannung im Foto zu erzeugen oder zum anderen, unter einem inhaltlichen Aspekt „Leere“ als resultierende Empfindung beim Betrachten des Motivs hervorzurufen

Der verschwindende Hintergrund

Der verschwindende Hintergrund
Nikon D800 | 200 mm | ISO 400 | f/11 | 1/320 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Im Beijing Olympic Green, dem Olympiagelände im Pekinger Stadtteil Chaoyang, herrscht häufig Smog so wie in der ganzen Stadt. Dann gibt es keinen klaren Blick in die Ferne, geschweige denn einen blauen Himmel.
Die typischen Leuchtenkonstruktionen verschwinden hier zum Hintergrund hin allmählich im Dunst und fast die Hälfte des Bilds bleibt leer. Das gibt den monströsen Leuchten fast eine gewisse Leichtigkeit.

Leere Straßenkreuzung

Leere Straßenkreuzung
Nikon D800 | 390 mm | ISO 400 | f/5,6 | 1/500 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Auf dieser Hauptverkehrsader in Shanghai wird der Autoverkehr von einer Polizistin per Handzeichen geregelt. Für einen kurzen Moment steht der sonst dicht fließende Verkehr still und die Straßenkreuzung ist fast unheimlich autoleer.
Die Vogelperspek­tive wurde vom benachbarten Wolkenkratzer herab fotografiert. Fotografenglück: ein Sonnenfleck trifft genau auf das Podest im Zentrum.

Raum für kreative Interpretationen

Raum für kreative Interpretationen
Nikon D800 | 105mm | ISO 100 | f/2,8 | 1/90 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Zeichen am Himmel. Ohne erklärenden Text ist es für den Betrachter wahrscheinlich schwierig, das Bild zu deuten. Es handelt sich um eine Wolkenerscheinung über der Troposphäre. Das Bild wurde kurz vor Sonnenuntergang aus dem Flugzeugfenster heraus aufgenommen.
Die gewellten Streifen im oberen Drittel stammen von einem anderen Jet, es sind verwirbelte Kondensstreifen. Ein ziemlich inhaltsleeres Bild, aber mit viel Platz für eigene Gedanken.

Menschenleer

Menschenleer
Nikon D200 | 36 mm | ISO 250 | f/20 | 1/60 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Ein Klischeebild für unsere Urlaubsträume. Wenn wir an einen paradiesischen Strand denken, ist der in unserer Vorstellung meist menschenleer. Es gibt mittlerweile eine Menge von Apps, die Menschen automatisch aus Bildern entfernen und zum Beispiel einen Strand leeren können.
Dieser Südseestrand auf Samoa war aber tatsächlich menschenleer und einsam. Das bedeutet aber auch: kein Kiosk mit Erfrischungsgetränken in der Nähe. Man kann nicht alles haben.

Leerstand

Leerstand
Leica M Monochrom | 21 mm | ISO 320 | f/8 | 1/125 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Bei diesem Bild, aufgenommen im sächsischen Görlitz, entwickelt der Betrachter schnell eine gefühlsmäßige Einstellung. Zum einen nostalgische Reminiszenzen an eine längst vergangene Zeit, zum anderen beschleicht einen das mulmige Gefühl von Leere und Verlassenheit, von Verfall und Vergänglichkeit.
Ein ganzes Genre widmet sich diesen Motiven mit morbidem Charme: die Lost-Places-Fotografie.

Vor dem Ansturm

Vor dem Ansturm
Nikon D700 | 30 mm | ISO 200 | f/11 | 1/80 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Noch ist kein Betrieb, aber in wenigen Minuten wird dieses leere Restaurant in Pekings Verbotener Stadt mit Gästen überfüllt sein. Durch die unverrückbaren schweren Bankreihen und die ausgerichteten Sonnenschirme entsteht eine bizarre Geordnetheit, die den Betrachter in Bann zieht (neben dem Aufeinanderprallen der Kulturen).
Die Zentralperspektive und der leere Mittelgang unterstreichen die Uniformität.

Der leere Teller

Der leere Teller
Nikon D850 | 15 mm | ISO 64 | f/22 | 1/125 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Ein leerer Teller, oder doch nicht? Das ist ein typisches Bild, wie man es in den einschlägigen Zeitschriften findet: ein Aufmacherbild, welches überzeichnet das Thema „Diät“ symbolisiert. Die weite Leere des Tellers wird hier noch zusätzlich dadurch unterstrichen, dass für die Nahaufnahme ein Ultraweitwinkelobjektiv verwendet wurde.

Fazit

In diesem Beitrag habe ich Dir gezeigt, wie Du auch mit Leere im Bild eine Aussage transportieren kannst. Im nächsten Teil dieser Serie geht es dann um die Brennweite und den Standpunkt. Dieser Artikel erscheint am 25.09.2018
Autor: Maximilian Weinzierl

Weitere Tipps für die Fotopraxis, Tests der aktuellen Kameramodelle und alle Neuheiten und Trends in der Fotobranche erhältst Du im monatlichen ColorFoto-Magazin.

 

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12 Kommentare

  1. Martina Bleicher
      September 16, 2018 at 8:30 AM
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    Mir fallen neben den guten Fotos eigentlich nur die unmöglichen Kommentare auf. Was soll das denn? Der Artikel beschreibt genau das, was angekündigt wurde.

  2. Helen Itschner
      September 15, 2018 at 3:12 PM
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    Mir ist im Text ein Fehler passiert. “Dein Bild ist aussagekräftig, aber eben Dein Styl.”
    Entschuldigung

  3. Helen Itschner
      September 15, 2018 at 3:07 PM
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    Nein, es ist nicht einfach Leere. Es ist immer ein Punkt, ein Motiv im Bild, welches sonst fehlen würde und das Bild langweilig machen liesse. Und ganz einfach, es ist Dein Styl. Es ist nicht ganz einfach Aussagekräftig, aber Dein Styl. Da kann ich ev. eine Idee mitnehmen, oder nicht. Nachmachen würde ich es nie.

  4. Uwe Hansen
      September 15, 2018 at 10:54 AM
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    Gute Ideen und gute Anregungen. Mir fallen Fotos von mir ein, bei denen weniger mehr wäre. Guter Grund sie noch einmal zu überarbeiten. Auch Leerstand als Motiv erzeugt ein Gefühl von leer und verlassen. Schöne Beispiele, die ich im Kopf behalten werde.

  5. Holger
      September 14, 2018 at 11:17 PM
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    Schade, ich dachte, man lernt jetzt Nebel künstlich zu erzeugen

  6. Habenberger Gerhard
      September 14, 2018 at 8:57 PM
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    Solche Bilder kann einer gern in seinem Wohnzimmer aufhängen. Besucher werden denken: Ein komischr Vogel. Bilder mit Leere in Serie gezeigt lassen den Zuschauer schnell ermüden. Zwischendurch gezeigt, wird Otto Normalverbraucher einer Erklärung bedürfen.

  7. Siegfried Kissking
      September 14, 2018 at 4:41 PM
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    Freie Flächen können durchaus eine Herausforderung für den Fotografen sein.
    Somit kann ich mich voll der Bemerkung von Andreas Brake anschließen…..
    ….aber der Rest dieses Beitrags wirkt für mich mehr “geknippst” als kreativ.
    Schade.

  8. Küttel Josef
      September 14, 2018 at 4:21 PM
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    Ich finde den Artikel mit dem Titel “Leere” durchaus “lehr”reich. Gibt neue Ideen für eine ganz bestimmte Sicht.

  9. Andreas Bracke
      September 14, 2018 at 10:08 AM
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    Durchaus nette Bilder, aber mit dem Titel “freie Flächen” würde ich nur die ersten drei Beispiele assoziieren. Ein leerstehendes Gebäude hat mit freier Fläche in der Bildkomposition wohl nicht so viel zu tun. Etwas enttäuschender Artikel.

    1. Marius
        September 19, 2018 at 11:37 AM
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      da Stimme ich zu. Die ersten Bilder haben genau das gezeigt was man sich unter dem Titel “Leere” vorstellt hat. Das leerstehende Gebäude oder der “Menschenleere” Strand gehören meiner Meinung nach nicht in diesem Themen Bereich. Aber es kann nicht jeder Artikel perfekt sein – trotzdem ein paar sehr interessante Auszüge!

    2.   September 20, 2018 at 5:14 PM
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      Ich stimme Andreas da im Prinzip zu, mir gefällt der Artikel aber trotzdem, denn ich liebe dieses Umdieeckedenken, auch wenn diese entsprechenden Bilder das Thema etwas verfehlt haben…

      1.   September 20, 2018 at 5:26 PM
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        Ich möchte mich korrigieren: der leere Teller passt auch zum Thema, ohne Umdieeckedenken.

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