Gestaltungsprinzipien und formaler Bildaufbau: Fläche

In dieser Artikelserie betrachten wir Gestaltungsprinzipien und den formalen Bildaufbau. Aus welchen Elementen und Sichtweisen besteht eine Komposition?
Maximilian Weinzierl geht weniger der Frage nach, wie ein Bild technisch gelingt, sondern erklärt vielmehr wie und warum es – jenseits von richtig belichtet und scharf – den Betrachter länger als ein paar Sekunden in den Bann zieht. Kurz: Wie wird ein Foto zum Hingucker?
Dieser Artikel stammt aus dem ColorFoto-Magazin 05-2018.

Was sind Flächen?

Manchen Bildern fehlt einfach das gewisse Etwas. Eine probate Möglichkeit, ein Bild interessanter zu gestalten, ist die gekonnte Anordnung von Flächen und Formen. Das Spiel mit Flächen kann Ordnung ins Bild bringen, aber auch Verwirrung stiften.
Als Fläche verstehen wir einen abgegrenzten Bereich, abgegrenzt durch Linien oder durch angrenzende weitere Flächen, die sich durch Farbe, Helligkeit oder Muster deutlich voneinander abheben.
Eine Fläche nimmt in der Natur eine beliebig freie Form ein. Exakte geometrische Figuren wie Rechteck, Kreis oder Dreieck sind meist Menschenwerk. Manchmal erkennen wir aber auch in natürlichen Gegebenheiten eine geometrische Form (zum Beispiel Flussdelta).
Für den Fotografen liegt die Herausforderung darin, die Flächen interessant ins Bild zu setzen, sie passend anzuschneiden, zu stapeln etc.

Sanddünen gestapelt

Sanddünen
Nikon D810 | 24 mm | ISO 400 | f/8 | 1/640 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Das Foto der Sanddünen in der Namibwüste ist zunächst verwirrend, und wäre der Fernblick samt Himmel nicht im Bild – wäre also das Bild auf Höhe des Beginns der blauen Himmelfläche (rechter Bildrand) abgeschnitten – der Bedeutungszusammenhang würde sich wohl kaum erschließen.
Hier wird durch die Verwendung eines Tele-Objektivs der Raum fotogen zur Fläche verdichtet.

Monotone Fensterfläche

Monotone Fensterfläche
Nikon D810 | 24 mm | ISO 400 | f/8 | 1/640 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Die Hochhausfassade in Shanghai ist sehr geordnet aus Rechtecken aufgebaut, linear und flächig, zweidimensional. Da sich der Fotograf gegenüberliegend auf mittiger Höhe befindet, sind die Kanten parallel zum Bildrand ausgerichtet.
Das Bild lebt davon, dass die monotone Fensterfläche von den herabhängengen Fensterreinigern unterbrochen wird. Diese sind zugleich ein Hinweis auf die existierende 3. Dimension.

Freisteller

Freisteller
Nikon D800 | 400 mm | ISO 800 | f/8 | 1/800 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Der Morgennebel über dem Salzsee in Namibia lässt die neutralfarbene Wasserfläche übergangslos in den Hintergrund übergehen.
Die Flamingos samt ihrem Spiegelbild sind damit fast freigestellt vor einer grauen Hintergrundfläche. Das Tele-Objektiv trägt zur Raumverdichtung bei.

Flächen-Kontraste

Flächen-Kontraste
Nikon D800 | 70 mm | ISO 200 | f/22 | 1/25 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Die Spannung bezieht das Bild aus der kontrastierenden Gegenüberstellung von geometrischen Flächen: zum einen strukturiert und im Licht, die Frontseite des Minaretts der Koutoubia-Moschee in Marrakesch, zum anderen die umgebende Mauer.
Dadurch, dass die Mauer im Schatten liegt, erscheint sie als glatte Fläche fast ohne Struktur – im Gegensatz zum reich verzierten Minarett. Die dritte Fläche ist der fast einheitlich blaue Himmel. Das ins Bild ragende Blattwerk dient als Auflockerung der strengen Flächenanordnung.

Schnittfläche

Schnittfläche
Nikon D850 | 105 mm | ISO 64 | f/22 | 1/100 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Aus einem 3D-Objekt wird eine 2D-Fläche. Ein Längsschnitt vom braunen Champignon offenbart seine Form und sein Innenleben.
In der Fläche deutlich zu erkennen: der Fruchtkörper mit den braunen Lamellen, die Sporenträger des Ständerpilzes. Die größte Fläche nimmt allerdings das glatte weiße Fleisch ein.

Verteilung in der Fläche

Verteilung in der Fläche
Leica Monochrom | 90 mm | ISO 320 | f/9,5 | 1/500 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Blick von der Dresdner Frauenkirche auf das Martin-Luther-Denkmal am Neumarkt. Aus dieser Perspektive wird der Raum zur formatfüllenden Fläche. Für den Fotografen gilt es, den richtigen Ausschnitt festzulegen bzw. genau den Augenblick abzupassen, in dem die Passanten wohlverteilt im Bild sind.
Es ist besonders darauf zu achten, die Passanten genügend weit vom Rand entfernt zu positionieren, also in der Fläche zu halten, und möglichst keine Personen durch den Bildrand anzuschneiden.

Blauwasser

Blauwasser
Lumix GH3 | 28 mm | ISO 200 | f/5,6 | 4 s
Foto: Maximilian Weinzierl
Die Abstraktion der Fläche – fast bis zur Unkenntlichkeit. Nächtlicher Swimmingpool, Langzeitaufnahme vom Stativ; in der letzten Belichtungssekunde wird die Kamera-Stativ-Kombination zusätzlich frei Hand gedreht.
Die direkten Lichter der Poolbeleuchtung werden dadurch zu Linien und verursachen die bizarren Lichtkringel im Bild.

Fazit

In diesem Beitrag habe ich Dir gezeigt, wie Du Flächen nutzen kannst, um Deine Bilder interessanter gestalten kannst. Im nächsten Teil dieser Serie geht es dann um Leere. Dieser Artikel erscheint am 14.09.2018.
Autor: Maximilian Weinzierl

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7 Kommentare

  1. Josef Strohmayer
    Josef Strohmayer
      August 16, 2018 at 10:45 AM
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    Für mich ist der Artikel sehr interessant und informativ. Danke!

  2. Sonja Stucki
    Sonja Stucki
      August 15, 2018 at 6:09 PM
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    Sehr gute Beiträge. Was aber bedeutet bei der Swimmingpoolaufnahme „frei Hand gedreht“?

  3. bibimau
    Bianca Zimmermann
      August 15, 2018 at 10:06 AM
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    Auswahl und Kommentierung der Bilder sind überzeugend und lehrreich, lediglich bei der Aufnahme aus Marrakesch ist m.E. die Mauer zu stark betont, sodass die feinen Strukturen des Minaretts nicht so gut zur Geltung kommen. Natürlich kann eingewendet werden, dass das Thema ja Darstellung von Flächen war.

  4. eschenw
      August 14, 2018 at 10:18 PM
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    Tolle Bilder und Beispiele. Da kann man nur staunen und lernen. DANKE.

  5. Dr. Claudio Jara
    Claudio Jara
      August 14, 2018 at 6:41 PM
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    Ein sehr interessanter Beitrag und die Bilder finde ich sehr gut. Vielen Dank!

  6. Norbert
      August 14, 2018 at 4:06 PM
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    Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

  7. Moritz Vahlenkamp
      August 14, 2018 at 12:45 PM
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    Beim Dünenbild ist von einem Teleobjektiv die Rede, bei der Brennweite wird aber 24mm angegeben, was wohl ein Versehen war.
    MfG,

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