Fotos ausrichten und entzerren – Teil 3: Fluchten finden

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In Zusammenarbeit mit SIGMA

Auch wenn Du langsam ungeduldig wirst – in diesem Artikel wird es (wie auch im Teil 1 und Teil 2) immer noch nicht um die eigentliche Bearbeitung von verzerrten Fotos gehen. Es ist heutzutage furchtbar einfach, in moderner Bildbearbeitungssoftware solchen Dingen zu Leibe zu rücken. Alle mir bekannten aktuellen Programme, ob kommerziell oder umsonst, bieten Dir einfachste Mittel an Fotos auszurichten und zu entzerren.

Es reicht aber eben nicht aus, die Bedienung der Werkzeuge zu beherrschen.

Es ist wesentlich schwieriger zu erkennen, wann Du diese Werkzeuge einsetzen solltest und wann nicht. Und es ist noch schwieriger die Grenzen zu erkennen, ab wann eine Entzerrung zu optischen Widersprüchen im Foto führt.

In diesem Artikel möchte ich Dir mit vielen Bildbeispielen „nur“ ein wenig Übung im Erkennen von perspektivischen Ungereimtheiten und gravierenden Fehlern vermitteln. Denn meine tägliche Erfahrung zeigt, dass bei bei vielen Fotografen, auch sehr guten, diesbezüglich deutliche Defizite vorhanden sind. Erst wenn Du in diesem Bereich ein wenig sicherer bist, wirst Du bereits beim Auslösen viele Dinge beachten. Es wird Dir dann zukünftig bei der Durchsicht Deiner Fotos direkt auffallen, dass Du einen großen Schritt nach vorne gemacht hast, sogar, wenn es sich nur um Schnappschüsse handelt.

Ich zeige Dir aber auch anhand von Beispielen, dass nicht jedes schiefe Foto gerade ausgerichtet werden sollte. Es gibt eine Menge Motive, die erst durch ungerade, schiefe Achsen aufleben. Dies hat mit einer gewissen Art von perspektivischen Dynamik zu tun.

Und schon wieder – Geschmack

Wenn Du bildwichtige Kleinigkeiten der üblichen Gestaltung nicht erkennst, wirst Du nicht dagegen angehen. Nicht in der Praxis der Fotografie und auch nicht in der Aufarbeitung Deiner Fotos.

„Üblich“ ist hier das Zauberwort. Denn das allgemeine Gefallen von Fotos ist nicht vergleichbar mit Deinem Gefallen. Auf den können wir nicht in der Fotoschule eingehen – wir kennen ihn einfach nicht.

Ich kann als Autor der Fotoschule über meinen persönlichen Geschmack philosophieren und sicherlich auch vortrefflich argumentieren, aber dieser ist meinem eigenen beruflichen und privaten Leben geschuldet. Durch meine lange Tätigkeit als Werbefotograf kenne ich aber ganz gut, was andere als „üblich“ empfinden. Genau diese Sichtweise und Erkenntnis möchte ich Dir hier vermitteln.

Plane Projektion

Natürlich fangen wir mit einem einfachen Beispiel an. Du siehst einen Schnappschuss. Da ich mit meiner Kamera plan vor dem Tor dieses Baseballstadions stand, gibt es einfache Linien im Bild, denen Du folgen kannst. Etwas Beschnitt und der Einsatz einer Datenbank mit Korrekturdaten für Objektivfehler machen das Foto schon recht gut nutzbar.

Du kannst, ohne Hilfslinien zu ziehen, die echten wahren Linien des Gebäudes nutzen. Hier gilt: „Quadratisch-Praktisch-Gut“.

Im nächsten Beispiel wird es schon schwieriger, den klitzekleinen Ausrichtungsfehler zu erkennen. Beachte die äußeren Ränder des linken Fotos genauer. Die Linien dort stürzen, wenn auch geringfügig. Auch das Zentrum des Fotos ist nicht ganz mittig. Durch den bildmittigen Schnitt im rechten Bild wird aber noch etwas deutlich: Ich stand nicht mittig zur Straße. Aber in Chicago hat man eben nur Sekunden für ein solches Foto.

Bei dem nächsten Beispiel hätte vielleicht eine Drehung gereicht, aber die gesamte Entzerrung und der Beschnitt lohnen sich.

Vorsicht: Da sich der Feuerwehrwagen nicht plan zur Kamera befindet, ist eine vollständige Entzerrung physikalisch/optisch bereits grenzwertig. Es kippen durch die Entzerrung auch die in die Tiefe zeigenden Flächen. Sie verschwinden durch die Entzerrung nicht und vor allem verändert sich der Inhalt nicht. Du kannst zum Beispiel die Rückseite des Fahrerhauses erkennen, was aber bei einer planen Sicht auf das Fahrzeug mit dieser Brennweite fast ausgeschlossen ist. Zum Glück fährt das Fahrzeug aber aus dem Zentrum heraus und so fällt dieser Fehler durch die künstliche Entzerrung kaum auf.

Perspektivische Entzerrung

Außenansichten

Wenn Du ein Foto mit Gebäuden machst, sind meistens zwei Seiten im Foto sichtbar. Es gibt zwar auch interessante plane Ansichten, aber Du möchtest ja mit der perspektivischen Ansicht das Gebäude auch in seinen Dimensionen abbilden. Da ein typischen Haus, wie hier die Wolkenkratzer, „meist“ rechtwinklig aufgebaut sind, kann der Betrachter die Räumlichkeit nachempfinden.

Hier ist das Foto schon erheblich entzerrt worden, aber ohne, dass es dadurch unlogisch gekippte Flächen gibt. Der Central Park ist ebenso unkritisch für solche Entzerrungen. Es fällt aber ein Teil des Bildes weg, der gestalterisch einen Wert hat. Das Gebäude, das so ein wenig ins Foto guckt, rückt durch die Entzerrung aus dem Bild. Jetzt ist das hellere Gebäude am Rand zu bildwichtig. Auch unten ist das Wegfallen des Strauchwerks schade. Es hat dem Motiv noch einen natürlichen Rahmen gegeben.

Ei, ei, ei, hier siehst Du direkt, was nicht geht. Das Hochhaus sieht aus, als würde es gleich umfallen. Durch das Ausrichten und Entzerren wird aus dem Foto eine surreale Katastrophe. Der Fluss ist weg und das Gebäude wirkt fürchterlich verzerrt. Du kannst den Sturz der Linien vielleicht etwas mildern, aber hier ist bereits die Position beim Fotografieren völlig falsch. Entweder Du drehst den Weitwinkeleffekt so auf, dass stürzende Linien zu einer gewollten Gestaltung gehören oder – mit viel mehr Abstand und einer deutlich längeren Brennweite – Du fotografierst das Gebäude schon halbwegs isometrisch.

AXA-Hochhaus
Das Foto ist weitestgehend „Out-of-the-box“. Natürlich muss das Gelände diese Ansicht auch hergeben. Hier wurde mit 400mm fotografiert, was schon weitestgehend einen isometrischen Anschein vermittelt.

Innenräume

Wie bei perspektivischen Fotos im Freien, ist auch beim Entzerren von Innenräumen Vorsicht geboten. Dieses Hotelzimmer zum Beispiel wirkt um ein vielfaches kleiner und gedrungener. Weil wir den Fluchtpunkten im Original folgen können, können wir uns in diesem Raum orientieren. Im entzerrten Raum ist eine ganz neue und falsche Perspektive entstanden.

Aber es sind meist Kleinigkeiten wie immer in der Fotografie, die ein gutes von einem schlechteren Foto unterscheiden. Bei dem nächsten Beispiel ist die Entzerrung nur der Anfang. Fotografiert in einem hektischen Moment ohne Möglichkeit der Bildkontrolle und der Justierung der Einstellungen muss ich mit dem einzigen Foto der New Yorker Central Station leben und das Beste daraus machen.

Extrem viel Rauschen und nicht weitwinkelig genug fotografiert, dennoch wollte ich das Bild irgendwie nutzen. Erst durch die Graustufenumsetzung und der Ausrichtung durch Beschnitt ist das Foto für mich zufriedenstellend. Es gibt deutlich bessere Umsetzungen dieses fantastischen Bauwerks, aber so hab ich mein eigenes Bild.

Personen

Personen können, müssen aber nicht, durch eine künstliche Entzerrung eigenartig aussehen. Bei weitwinkligen Aufnahmen ist Vorsicht geboten. Personen, die sich am Rand eines Fotos befinden, sind durch die Linsenverzerrung meist schon entstellt. Ist aber eine Person im Bildzentrum, besteht meist keine große Gefahr für eine übertriebene Verunstaltung des Protagonisten.

Bei diesem Billiardfoto ist das Drehen und Entzerren unwesentlich. Hätte es im Grunde gar nicht gebraucht. Bildbestimmend ist hier der Tisch und der Spieler. Und beide leiden nicht unter irgendeiner Verzerrung.

Hier ein Beispiel in dem beide Versionen hervorragend funktionieren. Das erste vermittelt Dynamik und die Person friert sichtlich. Das zweite hat eine ganz andere Bildaussage. Im rechten Foto beobachtet die Person eher etwas und sie wirkt schon knapp zu breit. Dieser, durch die Entzerrung künstlich hervorgerufenen Breite könnte ich noch durch Stauchen des gesamten Fotos entgegenwirken, ich hab es aber für den Effekt in der Fotoschule so gelassen.

Banal und danach Drama. So sollte ein Foto wirken nach Ausrichtung, Entzerrung und sonstigen Kontrast- und Farbanpassungen.

 

Ich hoffe, Du konntest durch die Beispiele schon einen guten Eindruck über die bildverbessernden Möglichkeiten der Entzerrung bekommen.

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14 Kommentare

  1. Wolfgang Thiel
      September 2, 2016 at 6:40 PM
    Kommentar bewerten

    Super beschrieben, hillft sehr gut.

  2. Georg
      August 20, 2016 at 10:34 PM
    Kommentar bewerten

    Dieser Artikel ist hervorragend der bringt mich weiter. Herzlichen Dank

  3. W. Seib
      August 20, 2016 at 8:56 AM
    Kommentar bewerten

    Prima erklärt, das verstehen sogar die Anfänger in unserem Fotoclub. Danke und weiter so.

  4. Dieter
      August 3, 2016 at 2:06 PM
    Kommentar bewerten

    Wirklich klasse und verständlich geschrieben, freue mich schon auf die Fortsetzungen. Danke
    VG
    Dieter

  5. teopril38
      Juli 30, 2016 at 12:16 AM
    Kommentar bewerten

    prima erklärt, das verstehe sogar ich!

    Lieben Dank!

  6. Andy Stevens
      Juli 28, 2016 at 10:10 AM
    Kommentar bewerten

    Guter Beitrag. Hat mir gut gefallen. Ich freue mich schon auf das „how to do“. Hoffentlich ist das nicht nur mit teuren Adobe Programmen möglich.

  7. Peter Stollmann
    Peter Stollmann
      Juli 27, 2016 at 2:18 PM
    Kommentar bewerten

    Da kann man etwas mit anfangen.
    Hat mir gut gefallen

  8. Stephan
      Juli 27, 2016 at 1:46 PM
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    Es wäre jetzt schön gewesen anhand Beispiele wie man die Bilder korrigiert, und was man genau machen muss,oder ich hab den ganzen Artikel nicht verstanden. So läuft die ganze Thematik an mir vorbei und ich weiss nicht warum das rechte vom linken Bild anders aussieht, sorry.
    Gruss
    Stephan

    1. Norbert Eßer
        Juli 27, 2016 at 1:53 PM
      Kommentar bewerten

      Es gibt vier Teile zu diesem Thema. Am Ende des Artikels wird auf den letzten Teil (Mitte August) hingewiesen, der beinhaltet dann einen praktischen Teil der Software unabhängig aufgebaut ist.

  9. wolfram Becker
      Juli 27, 2016 at 1:13 PM
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    Hallo, ich finde das letzte Foto als deutlich besser . Vielleicht ist ja der linke Rand etwas überkorrigiert aber die Bildaussage hat sich erheblich verbessert. Unwichtige Motivteile sind weg und das Bild wirkt dynamischer. Danke

  10.   Juli 27, 2016 at 6:44 AM
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    Sehr verstaentlich erklaert

  11. Carlos-Aarón
      Juli 26, 2016 at 5:43 PM
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    Dieser Artikel ist wirklichkeitsnah und dadurch super erklärt
    und verständlich. Freue mich schon auf die nächsten Artikel.
    Muss nur meine Ungeduld in den Griff bekommen, nicht
    immer ganz einfach :-).

  12. groha
      Juli 26, 2016 at 4:17 PM
    Kommentar bewerten

    Das letzte Bild wirkt auf mich unwirklich. Der linke Teil ist m.E. zu sehr nach innen gezogen worden.
    Aber sonst ist das Thema gut erklärt worden.

  13. Josef Strohmayer
    Josef Strohmayer
      Juli 26, 2016 at 4:16 PM
    Kommentar bewerten

    Sehr gut. Weiter so!
    LG Josef

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