Festbrennweiten-Check: Spezialobjektiv Makro

In der dritten Folge unserer aktuellen Reihe zum Thema Brennweite, beschäftige ich mich mit dem Spezialobjektiv Makro. Ich zeige Dir die verschiedenen Festbrennweiten von Makro-Objektiven und lege dar, wie Du Makro-Objektive optimal einsetzt. Dieser Artikel stammt aus dem ColorFoto-Magazin 03-2016.

Noch eine kurze Anmerkung vorab: Warum ordnen wir diesen Artikel in die Grundlagen ein? Es geht uns in diesem Artikel nicht um die verwendeten Objektive oder um das anderweitig verwendete Zubehör, welches in das hochpreisige Segment fällt. In dieser Artikelserie wollen wir die verschiedenen Spezialobjektive in den Grundzügen vorstellen und an Beispielen zeigen, was man damit für Ergebnisse erzeugen kann. Als Einsteiger soll man also nur die Grundfunktion jener Spezialobjektive kennenlernen und erfahren, dass es jene Objektive gibt. Für Fortgeschrittene sind die ergänzenden Informationen gedacht, die im Artikel enthalten sind.

Was sind Makro-Objektive?

Makro-Objektive sind Spezialobjektive, die für Aufnahmen im Nahbereich bis zum Abbildungsmaßstab 1:2 oder 1:1 konstruiert sind; sie stehen in unterschiedlichen Festbrennweiten zur Verfügung, die sich in drei Gruppen einteilen lassen:

  • 1. Gruppe: 50 oder 60 mm
  • 2. Gruppe: 90, 100 oder 105 mm
  • 3. Gruppe: 150, 180 oder 200 mm.

Mehr Brennweite erlaubt eine größere Distanz zum Nahmotiv bei gleicher Abbildungsgröße. Das kann Vorteile haben, etwa bei schreckhaften Tieren oder bei der Anordnung von Kunstlicht um das Makromotiv herum. Makro-Objektive lassen sich aber auch vorzüglich für normale Aufnahmen einsetzen.

schmetterling_nah
Wildlife-Falter: Der Schmetterling wurde outdoor und aus der Hand im Regenwald Costa Ricas aufgenommen. Das brillante Licht wurde mit zwei Blitzgeräten realisiert. Das Hauptlicht sitzt am Objektivring („Extra-Tipps“), das zweite Blitzlicht strahlt vom Hintergrund aus frontal in die Kamera, wird aber vom Schmetterlingskörper verdeckt. Fotografiert mit dem Zeiss-Makro-Planar 2/100 ZF an der Nikon D810, wie unten abgebildet. (Blende 20, ISO 64, 1/100 s). Fotograf: Maximilian Weinzierl
Nikon
Fotograf: Maximilian Weinzierl

 

Makro-Objektiv: Die Fakten

Kompromisslos auf Qualität getrimmt

Nahbereich

Makro-Objektive sind speziell für den Nahbereich konstruierte und berechnete Objektive mit einem größeren eingebauten Auszug als die normalen Objektive. Die Nahspezialisten arbeiten weitgehend verzeichnungsfrei und bieten meist ein sehr planes Bildfeld.

In der Regel lässt sich ein Makro-Objektiv ohne größere Qualitätseinbußen (Beugungseffekte) auch stärker abblenden als ein normales Objektiv; die nominalen Werte der Blendenreihe gehen über den sonst üblichen kleinsten Blendenwert 16 oder 22 hinaus, bis Blende 32 oder gar 45. Die Qualitätsunterschiede in der Abbildung (Auflösung, Farb- und Kontrastwerte) im Vergleich zu einem normalen Objektiv mit einer eingebauten Makro-Einstellmöglichkeit (meist Zoom-Objektive), werden in der Vergrößerung sehr schnell deutlich.

zwei_gruene_froesche
Frosch-Paarung: Bei einer nächtlichen Exkursion im Regenwald Costa Ricas entdeckt: Rotaugen-Laubfrösche. Outdoor-Makro aus der Hand. Bei Dunkelheit im Schein der Taschenlampe Motive zu finden, Mücken abzuwehren, Kamera-Aurüstung zu handlen, die Umgebung zu kontrollieren, das LED-Licht zu positionieren, meist in gebückter Haltung, um sich auf Augenhöhe der Tiermotive zu begeben: Da bin ich froh über einen schnellen und zuverlässigen kontinuierlichen Autofokus, um in dieser Situation nicht auch noch manuell scharfstellen bzw. den Schärfepunkt halten zu müssen. Fotografiert mit dem AF-S VR MicroNikkor 2,8/105 mm bei LED-Licht. Fotograf: Maximilian Weinzierl

AF oder manuell

Unterschiede

Makro-Objektive unterscheiden sich außer in ihrer Zuordnung zu einer der drei Brennweitengruppen (60, 100, 200 mm) auch in der Bedienbarkeit. Die meisten Makro-Objektive sind mit einem Autofokus versehen, der sich aber abschalten lässt. Ob man eine automatische Schärfeeinstellung beim Nahfotografieren benötigt, hängt überwiegend vom Motiv ab. Bei Food- oder Sachaufnahmen unter studioähnlichen Bedingungen (unten) ziehe ich immer die manuelle Einstellung per vergrößertem Ausschnitt im LiveView-Betrieb vor.

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Schwarze Tableware: Stillleben im Studio. Die Kamera ist auf das Stativ montiert, und ich habe in der Regel viel Zeit für die exakte manuelle Scharfstellung über die Vergößerungs-funktion im Live-View. Ich benötige hier keinen Autofokus. Fotografiert mit dem Zeiss-Milvus 2/100 mm, Blitzlicht. Fotograf: Maximilian Weinzierl

Sehr exakt und sicher funktioniert das manuelle Fokussieren, wenn das Makro-Objektiv einen langen, butterweichen Schneckengang besitzt, wie zum Beispiel das manuelle Zeiss-Milvus 2/100 mm. Outdoor, beim reaktionsschnellen Fotografieren von kleinen, sich bewegenden Motiven aus der Hand, bevorzuge ich einen schnellen kontinuierlichen Autofokus, wie beim AF-S VR MicroNikkor 2,8/105 mm. Damit ist es möglich, etwa bei einem Regenwaldfrosch den Schärfepunkt auf dem Auge zu halten, trotz leichtem Hin- und Herschwanken der Kamera-Einheit.

warzenschnecke
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Auch für echte Unterwasser-Makro-Aufnahmen mit einem Makro-Objektiv an der DSLR (keine Weitwinkel-Nahaufnahme mit einer Kompaktkamera) ist ein schneller Autofokus unerlässlich (rechts eine ca. 3 cm große Warzenschnecke am Korallenriff). Soll das Makro-Objektiv in ein Unterwasser-Gehäuse eingebaut werden, ist es von Vorteil, wenn das Objektiv eine Innenfokussierung besitzt und beim Scharfstellen auf den Nahbereich seine Länge beibehält.

Makro-Blendenwerte

Nominale und effektive Blende

Die größte nominale Blendenöffnung eines Objektivs, beim AF-S VR MicroNikkor 2,8/105 mm ist das der Wert 2,8, ist im Grunde nur für die Unendlichkeitseinstellung gültig. Der nominale Blendenbereich geht hier von 2,8 bis 32. Mit zunehmendem Abbildungsverhältnis nimmt wegen der Auszugsverlängerung die Bildhelligkeit ab, sodass der größte effektive Blendenwert bei Einstellung auf die Minimaldistanz von 31 cm (1:1) nicht mehr 2,8, sondern nur noch 4,8 beträgt. Der kleinste Blendenwert ist dann nicht mehr 32, sondern effektiv 57. Im Sucher und auf dem LCD-Display wird beim Nikon-Objektiv der jeweils kompensierte Blendenwert angezeigt. Beim manuellen Zeiss-Objektiv wird immer der nominale Blendenwert angezeigt.

Makro: Die kreativen Möglichkeiten

Makro-Festbrennweite als Allround-Objektiv

Offenblende

Makro-Objektive können nicht nur für Motive im Nahbereich eingesetzt werden. Sie sind auch im normalen Aufnahmebereich hochqualitativ abbildend, und die Lichtstärke (Anfangsöffnung 2 oder 2,8) ist von Vorteil bei Aufnahmen mit wenig Umgebungslicht, wie hier in den Baumkronen des Regenwalds.

Diesen Baumfarn habe ich in 2,5 m Entfernung mit dem Makro-Objektiv fotografiert. Meine Intention war es, durch weitreichende Unschärfe und eine eng begrenzte Schärfe-Insel die Stimmung im Dschungeldach einzufangen und nicht jedes kleinste Blättchen superscharf abzubilden.

Da ich dabei auf einer Hängebrücke stand, konnte kein Stativ eingesetzt werden. Das erschwert das Fokussieren auf einen bestimmten Punkt, und vor allem die Beibehaltung des gefundenen Schärfepunkts. Makro-Objektive liefern bei Offenblende meist ein ganz wunderbares Bokeh. Durch die große Anfangsöffnung ermöglichen sie bei Spiegelreflexkameras auch ein helleres Sucherbild, was die Einstellung erleichtert. Ein lichtstarkes 100-mm-Makro-Objektiv ist wegen der Freistellmöglichkeit besonders auch für Porträts geeignet.

Baumfarn, Costa Rica Diesen: prächtigen Farn habe ich mit Offenblende im Nebelwaldreservat Monteverde fotografiert, von einer Hängebrücke aus, in den Wipfeln der Urwaldriesen. Nikon D810 und Zeiss-Makro-Planar 2/100 mm ZF (ISO 100, Blende 2,0, 1/200 s). Fotograf: Maximilian Weinzierl.
Baumfarn, Costa Rica: Diesen prächtigen Farn habe ich mit Offenblende im Nebelwaldreservat Monteverde fotografiert, von einer Hängebrücke aus, in den Wipfeln der Urwaldriesen. Nikon D810 und Zeiss-Makro-Planar 2/100 mm ZF (ISO 100, Blende 2,0, 1/200 s). Fotograf: Maximilian Weinzierl.

Das Licht-Studio ist immer dabei

Systemblitzgeräte

Das Fotografieren mit Makro-Objektiven im Nahbereich hat lichttechnisch den Vorteil, dass sich alles auf einem eng begrenzten Raum abspielt.

Im Vergleich zum winzigen Motiv sind handliche Blitzgeräte große künstliche Sonnen, die bequem mitgeführt werden können. Mit zwei von der Kamera entkoppelten Blitzgeräten ist eine dezidierte Lichtgestaltung mit natürlich anmutendem Lichtcharakter möglich (siehe Frosch: kleines Bild).

Eines der Blitzgeräte dient als Hauptlicht, es steht hier auf dem Urwaldboden rechts neben dem Objektiv, das zweite eventuell schwächere oder auch stärkere Licht (je nach Absicht des Fotografen) ist für Effekte zuständig: Lichtkonturen, Schattenaufhellung, Reflexe, Gegenlicht etc. Hier zum Ausleuchten des Hintergrunds links hinter dem Frosch platziert.

Ich befestige die Blitzgeräte auch schon mal mit einem Klettverschluss an Bäumen und Sträuchern. Die asymmetrische Lichtverteilung wird durch die kabellose Fernsteuereinheit Nikon SU-800 Commander geregelt.

Fotograf mit Frosch
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Sonderfall Lupen-Objektiv

braune Kugel
Fotograf: Maximilian Weinzierl
canon
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Makro bis 5:1 ohne Zubehör

Will man mit einem Makro-Objektiv den Abbildungsmaßstab über 1:2 bzw. 1:1 hinaus erweitern, benötigt man zusätzlich Vorsatzlinsen, Zwischenringe oder ein Balgengerät. Ein Lupen-Objektiv hingegen ist ausschließlich für extreme Abbildungsmaßstäbe konstruiert. Das Canon Macro MP-E 2,8/65 mm Lupenobjektiv zum Beispiel ermöglicht eine stufenlose Abbildung im Bereich von 1:1 bis 5:1. Im Gegensatz zu den Makro-Objektiven ist das Lupen-Objektiv für Normalaufnahmen (Porträts, Landschaften etc.) nicht geeignet, denn in diesem Bereich ist gar keine Scharfstellung möglich.

Extremes Makro: Das Pfefferkorn (oben) wurde mit dem größten Auszug im Abbildungsmaßstab 5:1 fotografiert. Hierbei ist viel Licht erforderlich, zur Scharfstellung wie zur Belichtung. Broncolor- Konus-Studioblitz mit Halogen- Einstelllicht. Canon EOS 5 DSR.
Extremes Makro: Das Pfefferkorn (oben) wurde mit dem größten Auszug im Abbildungsmaßstab 5:1 fotografiert. Hierbei ist viel Licht erforderlich, zur Scharfstellung wie zur Belichtung. Broncolor-Konus-Studioblitz mit Halogen-Einstelllicht. Canon EOS 5 DSR. Fotograf: Maximilian Weinzierl

Extra-Tipps

Mein mobiles Makro-Equipment

Nach langer praktischer Erfahrung habe ich meinen optimalen Aufbau gefunden: Nikon Makroblitz-Kit R1C1 gesteuert mit dem SU-800 und LED-Leuchte. Die flexible Halterung ist aus Novoflex-Zubehörteilen zusammengestellt: Schnellkupplung, Haltestange, Schwanenhals, Kugelneiger und ein Haltegriff mit Schlaufe. Die Teile können einzeln bei Novoflex.de erworben werden. Ich zeige in einem Kurzvideo Zusammenbau und Handling.

Mein mobiles Makro-Equipment Nach langer praktischer Erfahrung habe ich meinen optimalen Aufbau gefunden: Nikon Makroblitz-Kit R1C1 gesteuert mit dem SU- 800 und LED-Leuchte. Die flexible Halterung ist aus Novoflex-Zubehörteilen zusammengestellt: Schnellkupplung, Haltestange, Schwanenhals, Kugelneiger und ein Haltegriff mit Schlaufe. Die Teile können einzeln bei Novoflex.de erworben werden. Wir zeigen in einem Kurzvideo Zusammenbau und Handling: https://youtu.be/EUayjJlpBKs. Fotograf: Maximilian Weinzierl
Fotograf: Maximilian Weinzierl

Schauvergnügen

Wer mit hochauflösenden Makro-Objektiven fotografiert, sollte sich hin und wieder das Vergnügen gönnen, eine Riesenvergrößerung anfertigen zu lassen, wie hier ein Fotoleinwand-Druck im heimischen Wohnzimmer.

Wandbild Schmetterling
Fotograf: Maximilian Weinzierl

 

Frosch Rot
Fotograf: Maximilian Weinzierl

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Autor: Maximilian Weinzierl

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2 Kommentare

  1. Wilfried
      November 13, 2018 at 11:28 AM
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    Also „Greenhorn“ lese ich diesen Artikel mit großem Interesse.
    Warum haben Makro-Objektive einen „Makroschalter“?
    Was bewirkt diese Umschaltung auf „Makro“?

  2. Jürgen Piechotta
    J. Piechotta
      Dezember 4, 2017 at 5:27 PM
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    Du nennst immer brav die Brennweiten der genutzten Optiken. Aber auf welches Sensyorformat beziehen die sich? Ich arbeite mit dem MFT-Format und wäre froh über einen Umrechnungsfaktor oder das jeweilege Äquivalent beim klassischen Kleinbild.
    Eure Artikel sind meist sehr interessant und eine echte Fotoschule für Alle. Ich komme noch aus der Analogzeit und kenne mich im Kleinbildsektor gut mit den Brennweitenverhältnissen aus. Aber heute blickt man ohne Zusatzinformation nicht durch.

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