Die Schattenseite des Lichts für die Fotografie nutzen

Die Schattenseite des Lichts für die Fotografie nutzen

In Zusammenarbeit mit SIGMA
Zum Fotografieren brauchst Du Licht. Als regelmäßigen Leser der Fotoschule müssen wir Dir das sicher nicht mehr erzählen.

Es reicht allerdings nicht, einfach nur Licht zu haben. Das Licht muss – je nach Motiv – eine bestimmte Qualität besitzen, damit das Motiv seine volle Wirkung entfalten kann. Ein oft genutztes Element in der Fotografie ist daher nicht nur die von der Lichtquelle direkt angestrahlte Fläche, sondern eben auch die Schattenseite eines Objektes.

Es kann sich dabei um spektakuläre Gegenlichtaufnahmen handeln oder um den Wunsch, die weiche Streuung von reflektiertem Licht in Schattenbereichen. In diesem Artikel erlebst Du, wie man mit diesen Spielarten in einem Foto die Bildaussagen prägen kann und was auf der „dunklen Seite des Lichtes“ alles zu beachten gilt.

Was ist eigentlich die Schattenseite?

Wird ein Objekt angestrahlt, ist die abgewandte Seite natürlich die Schattenseite. Sogar wenn ein Objekt, wie zum Beispiel ein Laubblatt, teilopak ist (also leicht durchscheinend), spricht man dennoch bei der abgewandten Seite über die Schattenseite.

Aber auch die Schattenseite hat seinen fotografischen Reiz. Wie schon in den vorherigen Artikeln erwähnt, ist das Licht, das in den Schattenbereich einfällt, das gestreute und reflektierte Licht von den Objekten ringsherum.

Streulicht? Reflektiertes Licht? Bouncing Light?

Diese Begriffe ähneln sich alle irgendwie und wirken vielleicht im direkten Vergleich etwas verwirrend auf Dich. Im Grunde ist es aber einfach und Du musst die Begriffe gar nicht so streng trennen. Es ist eine Frage der Deutung von Dir selbst. Als kleine Hilfestellung geben wir Dir hier eine kleine Liste mit Erklärungen mit auf Deinen fotografischen Weg.

Weitere Informationen findest Du bei Interesse sicher in Wikipedia oder anderen Onlinequellen.

  • Streulicht: Streulicht entsteht durch Dunst, Nebel oder durch matte transparente Materialien. Hier werden Photonen auf ihrem Weg zufällig abgelenkt und gebrochen. Softboxen im Studio sind zum Beispiel eine klassische fotografische Anwendung von künstlich erzeugtem Streulicht.
  • Reflexion: Von reflektierten Licht spricht man, wenn es wirklich etwas im Bild gibt, in dem sich etwas spiegelt. Beispiele können Wasser, eine Scheibe (Glas) oder eine metallische Oberfläche sein. Auch ein Handreflektor reflektiert Licht. Wie Du bereits merkst, so einfach ist das Thema gar nicht.
  • Bouncing Light: Von „Bouncing Light“ ist in der Fotografie meist dann die Rede, wenn eine große Fläche, wie zum Beispiel eine (weiße oder helle) Wand, Licht einseitig abprallen lässt. (Man kann übrigens auch eine schwarze, matte Fläche verwenden, um Licht wegzunehmen).
  • GI: Die globale Illumination: Bei dem Licht, das nicht direkt von einer Lichtquelle stammt, spricht man in der 3D-Software Welt von „GI“. „GI“ ist die Abkürzung von „Globaler Illumination“. Im Grunde drückt dieses Wort den Lichteffekt einer Schattenseite am besten aus. Im weitesten Sinne bedeutet globale Illumination eine Grundhelligkeit, die aus allen Richtungen kommt.

Meine Hand als Beispiel

Im Freien reflektieren unglaublich viele unterschiedliche Pflanzen, Bäume und Gegenstände das primäre Licht der Sonne. Und so ist auch auf der Schattenseite meiner Hand viel Licht zu sehen. Die Farbe ist natürlich recht bläulich, weil das Licht des blauen Himmels der „Globalen Illumination“ den größten Anteil zufügt.

Was Du in diesem Beispiel auch noch rechts erkennen kannst: Auf der Schattenseite gibt es weniger harte Abgrenzungen (Kontraste), als auf der Seite des Lichts. Dieser Effekt liegt an der diffusen Strahlung, die durch die Summe aller Reflexionen entsteht. Das direkte Licht fehlt auf der Schattenseite und damit auch die harten Kontraste

Was passiert ohne direktes Licht?

Du siehst einen lebendigen Garten in frohen Farben und dennoch wirkt das Foto lethargisch und traurig. Es fällt kein direktes Licht in das Bild, der Himmel ist durchgehend grau und bedeckt. Nur das gestreute Licht vom Himmel und die GI erhellen den Tag. Das Licht erfüllt damit nicht unsere Erwartungshaltung, wie wir das satte Grün wahrnehmen möchten.

Ein wesentlicher Grund sind die fehlenden Kontraste

Garten in lethargischer Stimmung

Ohne prägnantes direktes Licht (hier wäre es die Sonne) wirft kein Objekt einen sichtbaren Schatten. Sieht man sich zum Beispiel die Wäschespinne an, ist diese schattenlos.

Die Bildwirkung

Dieser Effekt verlangsamt ein Bild, es wirkt oft zeitlos. Besonders Landschaften und Gebäude werden dann ruhiger und entspannter. Wenn Du also eine etwas besinnlichere Stimmung in einem Motiv haben möchtest, ist diese Lichtsituation bestens. Hierzu noch einige Beispiele:

Gegenlicht = Schattenseite?

Im Grunde stimmt dieser Vergleich, nur würde niemals ein Fotograf bei einem klassischen Gegenlichtbild von einem Spiel mit dem Schatten reden, sondern eher mit dem Licht.

Eigentlich redet man in der Fotografie immer von dem Spiel mit dem Licht, obwohl vice versa alles im Grunde in der Fotografie mit Licht und Schatten zu tun hat.

Es kommt auf die bildgestaltende Situation an.

In dem Beispiel mit dem Kölner Dom im Hintergrund würde man von einem Gegenlichtfoto reden, obwohl 80% des Bildes schwarz ist. Es ist eben das Gegenlicht, das diese harten Konturen und sehr dunklen Schatten bewirkt.

 

Dom im Gegenlicht

Anders sieht es dann schon bei der folgenden Aufnahme aus.

Die Sonne beleuchtet den Himmel noch recht eindrucksvoll, aber der Dom und die Hohenzollernbrücke bekommen keinen direkten Lichtstrahl mehr ab. Das Umgebungslicht reicht (hier mit ein wenig RAW-Bearbeitung) für ein normal belichtetes Foto aus. HDR-Fotografie ist noch nicht von Nöten, den das Restlicht, Streulicht, Bouncing Light, GI … reichen aus, um die Details zu zeigen.

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Ein sehr häufig gesehenes Motiv aus Köln. Der Kölner Dom und die Hohenzollernbrücke.

Des Himmels Schatten

Jetzt haben wir schon so viel über bedeckten Himmel gesprochen, dass das folgende Bild nicht fehlen darf. Ein bedeckter Himmel ist die Schattenseite der Wolken. Kommt ein Lichtstrahl durch, wirken solche Fotos natürlich eindrucksvoll. Aber nur deshalb, weil die recht dichten Wolken nur kleine direkte Lichtstrahlen durchlässt.

Bedeckter Himmel mit Lichtstrahlen
Wolken haben immer dieselbe Farbe, es kommt nur auf das Wetter an.

Im Grunde ist eine weiße Wolke immer durch das direkte Sonnenlicht weiß und eine dunkle Wolke wirft dagegen schon auf sich selbst einen Schatten. Sie streut und bricht das Licht durch die vielen Tropfen in ihr. Je dicker die Wolke, desto weniger Licht schafft es hindurch. Die Wolke lässt zwar fast immer noch ein wenig Licht durch (Fachwort hier: Sub-Surface-Scattering), aber sie erscheint uns im Vergleich zu einer Wolke an einem Sommerhimmel rau und traurig.

Ab in den Schatten

Wie Du siehst, ist nicht nur das Wissen und die Kontrolle über Licht ein wichtiges Element in der Fotografie.

Auch der Umgang mit Schatten und dessen Wirkung auf den Betrachter ist wichtig.

Du kannst ja mal auf eine Fotoerkundungstour gehen, in der Du selektiv nur auf Schatten und Schattenseiten achtest. Du wirst dich wundern, wie sehr Deine Fotos sich von den früheren unterscheiden.

Viel Spaß auf der dunklen Seite des Lichts :-)

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4 Kommentare

  1. Andreas H. Keller
      Januar 10, 2016 at 11:56 AM
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    Sehr gut und verständlich zu lesen. Danke!

  2.   November 25, 2015 at 4:55 PM
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    Eigentlich findet man in dem Beitrag schon genug Hinweise, die dem Amateur weiter helfen, denn ein “zuviel” an Technik kann mehr schaden, als helfen. Zur eigentlichen Praxis – der Fotografie ansich – kommt es oft gar nicht mehr, weil die Technik zu sehr fasziniert, als dass sie im Bild noch verwirklicht wird.
    Die Fotoindustrie und fast alle Fotozeitschriften leiden darunter, dass das Foto nicht dminiert, sondern die Technik zum Mass aller Dinge wird. Wenn ich einen Beitrag schreibe, gebe ich dem Motiv die erste Bedeutung und dann erst seiner Entstehung. Ich hätte z.B. dem Sujet WALD große Bedeutung gegeben, weil an sonnigen Tagen die Kontraste zwischen Licht & Schatten weder vom analogen Film, noch von Speicherkarten bewältigt werden.
    Der Hinweis, dass es sich lohnt, einen diffusen – oder bewölkten Tag für Waldaufnahmen zu wählen, hätte jenen geholfen, die schon x-mal mit “sonnigen” Ausschuss-Bildern aus dem Wald kamen – und vor allem denen geholfen wäre. die an Bächen Langzeit-Belichtungen machten, die von überstrahlten, sonnigen Partien regelrecht zerstört wurden.
    Der Wald – als Parade-Beispiel für Licht & Schatten kam mir zu kurz. Aber mir ging es auch schon so, dass ich den Wald vor Bäumen nicht sah…MfG. Klaus
    Ender

  3. Werner
      November 8, 2015 at 9:17 AM
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    Dies war eine sehr informative Kurzfassung mit guten Anregungen.

  4. Ingrd Kahles
      November 7, 2015 at 3:27 PM
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    Ich finde diese Hinweise alle sehr hilfreich.

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