„72 dpi sind doch viel zu wenig!“ – Oder was dieser Wert wirklich aussagt

72dpi sind doch viel zu wenig

In Zusammenarbeit mit SIGMA
Wir legen in unseren Artikeln viel Wert auf Praxis, die wir möglichst mit Fotos illustrieren, die Dir auch gelingen, wenn Du die Artikel sorgfältig liest und unsere Tipps befolgst.

Ab und an gibt es aber Themen, die sehr theoretisch sind. Wenn Du die Fotografie und die Prozesse nach der Aufnahme des Fotos verstehen willst, wird es nicht ganz ohne diese Theorie gehen.

Diesmal daher ein theoretisches Thema ohne Bilder, das aber wichtig ist, wenn es um Auflösung und Qualität geht.

Es geht um DPI.

Ich glaube zum Thema DPI gibt es bereits tausende Kommentare, Artikel und Videos.

Dennoch erlebe ich in meinem Beruf als Werbefotograf und Bildbearbeiter immer noch häufig folgendes Kundengespräch:

„Danke für die zugesandten Fotos, wir können diese aber nicht nutzen, denn sie haben nur 72 dpi!“

Ich versuche Dir in diesem Artikel das Problem kurz und knapp von einer anderen Sicht her näher zu bringen und so vielleicht ein wenig dieses Gespenst zu vertreiben, das aus wenig nachvollziehbaren Gründen immer noch durch die Druckerwelt geistert.

Und Du wirst erfahren, was dpi mit einem Brotteig zu tun haben.

Was sind DPI überhaupt?

DPI ist die englische Abkürzung für Dots per Inch.

Soweit so gut, aber was sagt dieser Wert aus und wie kam er zustande?

In der Frühzeit des digitalen Druckes – und nur dort! – war es wichtig zu wissen, wie viel einzelne Informationen (in dem Fall die Pixel aus der Kamera) ein Ausgabegerät bekommt, um einen Ausgabepunkt zu berechnen.

Der Punkt des Ausgabegerätes kann ein durch Tinte gemischter Farbklecks sein, ein durch CMYK (Cyan, Magenta, Yellow, Key (Schwarz)) in verschiedenen Größen gedruckter Punkt und dessen Eindruck einer Farbe (Rasterpunkte) oder eben wieder ein Punkt in einem anderen Raster (Bildschirm).

DPI – nur eine Verhältniszahl

DPI ist also keine absolute Größe, sondern beschreibt ein Verhältnis. Eine Aussage wie:

„71 dpi sind nicht genug.“

ist also nicht vollständig, da hier ja das Verhältnis zu einer anderen Größe fehlt.

Die Aussage:

„Eine Ausgabe auf DIN A3 mit Gerät XYZ ergibt eine effektive Auflösung von zum Beispiel 132 dpi, dies ist zu wenig“

ist durch das Erwähnen von zwei Größen, die ja das Verhältnis erst beschreiben, dagegen korrekt und hat eine Aussage.

Pixel * Pixel = Pizza

Ich empfehle immer den Vergleich mit einem Brotteig.

Die Kamera stellt Dir eine bestimmte Menge an Brotteig her. Was Du mit dem Teig machst, bleibt Dir überlassen.

Du kannst ihn dünn für viele Pizzen ausrollen oder als dicken Laib formen, um daraus ein Brot zu backen.

Ist das Backblech nach dem Ausrollen nur dünn belegt, wird die American Pizza sicherlich nicht schmecken. Hier muss mehr Teig her. Bei einer dünnen italienischen Pizza reicht es hingegen. Das Verhältnis DPI steht hier für die Höhe des Teiges in Bezug auf das Backblech.

Es kommt also auf das Verhältnis zwischen Informationsdichte (dpi) bezogen auf das Ausgabemedium an. So reichen effektive, also in Bezug auf die Größe der Ausgabe, 72 – 96 dpi durchaus für eine Darstellung auf einem Monitor, aber nicht für einen hochwertigen Fotodruck.

300 – 400 effektive dpi sind die Anforderung für ein Hochglanzmagazin, das mit einem Betrachtungsabstand von 30 – 50 cm angesehen wird. Dasselbe Foto als Fassadenverkleidung an einem Baugerüst benötigt dagegen vielleicht sogar nur 10 – 20 dpi, da es aus einem Abstand von 20 – 30 Metern betrachtet wird.

Und was ist Interpolation?

In meinen Gesprächen mit Kunden fällt häufig der Begriff „Interpolation“. Dieser Begriff stammt aus der Mathematik und beschreibt im Grunde eine Schätzung (die allerdings auf komplexer Mathematik beruht). Eine Schätzung einer Information auf Basis von anderen Informationen. In unserem Teig Beispiel ergibt sich folgende Analogie:

Du bekommst einen Teig geliefert. Die Menge des Teigs reicht Dir aber nicht aus. Ausgehend von deinem Wissen, was das für ein Teig ist, verlängerst du diesen noch mit Mehl, Salz und Eiern. Du kennst nicht das genaue Rezept, hast aber ein grundsätzliches Wissen darüber, wie sich so ein Teig zusammensetzt.

Kleine Beigaben zur Verlängerung des Teigs werden dessen Charakter wenig verändern, je mehr Standardzutaten Du einrührst, desto mehr wird aus dem Teig ein Einheitsteig (Charakter und Schärfe gehen verloren).

Dazu noch ein wenig Mathematik

Bei der Interpolation von Pixeln – also dem Hinzufügen von Pixeln – erfolgt dies durch Statistik. Hier ein simples Beispiel anhand einer einfachen Zahlenreihe.

2 4 5 3 4 2 5 4 3 1 6 4 3 5

Addiert man nun die Zahlen, ergibt es eine Summe von 51. Teilt man diese Zahl nun durch die Anzahl der einzelnen Werte, ergibt sich ein Durchschnitt von 3,6428571

Ich möchte nun diese Zahlenreihe erweitern, aber in der „Summe“ nichts verändern.

Dies geht nun mit der Interpolation zum Beispiel so: Man addiert zwei Werte und teilt diese dann wieder durch 2. Das ergibt dann eine simple gemittelte und erweiterte Reihe an Informationen:

2 (6/2) 4 (9/2) 5 (8/2) 3 (7/2) 4 (6/2) 2 (7/2) 5 (8/2) 4 (7/2) 3 (4/2) 1 (7/2) 6 (10/2) 4 (7/2) 3 (8/2) 5

Erste echte Zahl plus die zweite echte Zahl geteilt durch zwei, weil wir ja zwei Werte addiert haben.

2 3 4 4,5 5 4 3 3,5 3 3,5 4 3 2 3,5 5 4 4 3,5 3 2 1 3,5 6 5 4 3,5 3 4 5

Auch hier ergibt sich am Ende wieder ein Durchschnitt von: 3,6428571

Man hat also Zwischenschritte erzeugt, aber keine neuen Informationen.

Es sind viel mehr nur Mittelwerte. Natürlich ist dieses Beispiel ein wenig hinkend. Ein RGB Pixel hat drei Farbwerte und wie bei dem alten Ministeckspiel (kennst Du das noch?) stehen rund um einen Pixel noch andere. In die Berechnung müssen also alle umliegenden Pixel einbezogen werden.

Bildschirmfoto 2015-10-05 um 17.30.29
Auch unser Gehirn „interpoliert“. Die Punkte sehen aus wie ein Kreis, es handelt sich aber tatsächlich einfach nur um Punkte, die alle denselben Abstand von einem gedachten Mittelpunkt und zueinander haben.

Interpolieren oder nicht?

Es gibt ein paar seltene Fälle in der das „Hochrechnen“ per Interpolation Sinn macht. Aber ein Drucker, ob im Internet oder bei Dir auf dem Schreibtisch, macht im Grunde dasselbe wie eine Bildbearbeitung. Es ist nur deshalb besser diese selbst zu machen, weil man das Ergebnis direkt auf dem Monitor sieht und so vielleicht abwägt den Druckauftrag nicht zu machen.

Ansonsten ist das Hochrechnen nur eine Datenschlacht ohne jegliche Verbesserung der eigentlichen (nativen) Daten.

300 DPI?

Druckereien und vermeintliche Profis aus dem Medien/Printbereich nutzen die Aussage „300 dpi“ oftmals falsch oder durch Unwissenheit einfach zu pauschal.

Es hält sich aber dieser vermeintlich fixe Wert wie ein Gespenst in der Branche.

In Deiner Kamera oder in einer Bildbearbeitung kannst Du so viel DPI einstellen, wie Du willst, ohne das sich an den Daten irgendetwas verändert.

Es wird nur in den Metadaten der Datei ein beliebiges Verhältnis der Pixel*Pixel gespeichert. Ein Foto meiner Nikon D700 ist native 4256 px * 2832 px groß. Ob ihr nun diese Menge auf ein Din A4 Blatt ausdruckt oder auf ein Plakat, ist unerheblich.

Diese Menge an Pixel sind die, die ihr nativ zu Verfügung habt. Wenn Du ein Foto machst und das Foto auf 10 x 15cm ausdruckst (ohne es zu beschneiden), dann wir das Ergebnis allein von der Auflösung des Druckers und der Menge der Pixel des Fotos abhängen.

Wie viel DPI Du eingestellt hast, ist einfach irrelevant und verändert das Foto nicht im geringsten, da der Drucker diese Information schlichtweg ignoriert.

Qualität und Auflösung

Warum habe ich in dem gesamten Artikel diese zwei Begriffe nicht genannt? Diese zwei Begriffe haben ebenso wenig mit den native Daten zu tun wie der Begriff „300 DPI“! Denn es gilt:

Wenige gute und scharfe Pixel sind besser, als Milliarden per Interpolation dazu erfundene Pixel, denn sie erhalten keinerlei zusätzliche Information.

Für die Spezialisten unter Euch: Bei einem 60er Druckraster würden außerdem (unter Zuhilfenahme einer Gausschen Normalverteilungskurve/Glockenkurve) 305 dpi „üblich“ sein, ausreichen würden sogar bereits 229 dpi.

Fazit

Du solltest wissen, was DPI sind und Dich danach nicht mehr weiter um diesen Wert kümmern. Du wirst ihn nicht brauchen.

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2 Kommentare

  1.   Oktober 8, 2015 at 11:17 AM
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    Passend dazu meine kostenlosen Tutorials als PDF – darin nicht nur alles über Pixel und DPI, sondern auch Farben und Farbraäume…

    http://tilorust.com/tutorials_downloads/index.php?act=NOP&ort=0&appID=24&neueSuche=24&strArtP=1&strArtZ=1&strSort=neu&tutorial=

    P.S.: 72 DPI sind genug, kommt nur auf die Vergrößerung an. z.B. ein „Screenshot“ auf eine DIN A 4 Breite gebracht ist bstens in einer Druckerei druckbar.

    1. Tom Schimmelpfennig
        Oktober 8, 2015 at 11:29 AM
      Kommentar bewerten

      Schöne weiterführende Informationen, danke dafür!

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