Architekturfotografie: Ansichtssache

Architekturfotografie – Ansichtssache

In Zusammenarbeit mit SIGMA
Architekturfotografie ist entweder eine aufwendige und teure Profession oder es wird nebenbei bei einem Ausflug oder einer Reise geknipst. Beides kann wundervolle Ergebnisse liefern, muss es aber nicht. Das private Foto hat meist zum Ziel ein Gebäude oder andere Bauten (Brücken, Kirchen, Mauern, etc.) so abzulichten, dass ein späterer Betrachter des Fotos die Faszination des Erlebten teilen kann. Bei den Profis ist das Foto eher eine Umsetzung der Wünsche des Auftragsgebers.

Zwischen den privaten Fotos und professionell umgesetzten Motiven gibt es aber für jeden genug Spielraum für faszinierende Fotos.

Die Herausforderung

Ich habe mir selbst eine Aufgabe gestellt:
Schreibe diesen Artikel und fotografiere dazu ungeplant ein Gebäude, das schon tausendmal fotografiert worden ist. Versuche dabei ein breites Spektrum an möglichen Sichtweisen zu finden.

Unbearbeites Foto des Hochhauses.
Unbearbeitetes Foto des Hochhauses

Meine Beispiele erfüllen nicht den Anspruch jedem gefallen zu müssen. Auch die technisch perfekte Umsetzung steht in diesem Artikel nicht zur Diskussion. Sie stehen nur stellvertretend für die Möglichkeiten ein schon tausendfach fotografiertes Gebäude nochmals neu zu entdecken.

Natürlich kannst Du Dich fragen, warum ich nicht den Kölner Dom als Beispiel nehme? Es hat nichts mit der eigentlichen Herausforderung zu tun, der ich mich gerne stellen würde, sondern mit der Komplexität der Architektur des Kölner Doms. Ein recht langweiliges quadratisches Bürogebäude ist für diesen Artikel prägnanter, da sich die formalen Eindrücke eines solchen Gebäudes in fast jeder größeren Stadt wiederholen.

Es wird sicher in Deiner Stadt auch ein solch häufig fotografiertes Gebäude geben. Nimm Dir dieses Gebäude als fotografische Herausforderung vor. Mach vorher keinen Plan, sondern versuche das Gebäude spontan für Dich neu zu entdecken.

Das Drumherum

Gut für den Fotografen bei diesem Gebäude ist das freie und großzügige Umfeld Drumherum. Das Hochhaus ist frei von jeder Seite zu fotografieren. Dies erleichtert natürlich interessante fotografische Winkel zu finden, um zum Beispiel die Höhe und die Stilistik des Hauses in ein Foto zu bannen. Je enger ein solches Gebäude von anderen Gebäuden umgeben ist, desto schwieriger wird es einen ungestörten und interessanten Blick zu bekommen.

Fehlende Dimensionen

Leider hat aber die herkömmliche Fotografie einen großen Nachteil: Sie bildet nur zwei Dimensionen ab und jedes Foto hat Ränder.

Die fehlende dritte Dimension nimmt einem Gebäude schon viel Imposanz in einem zweidimensionalen Foto und das Wow-Erlebnis wird schnell ein „Ganz nett“ für den Betrachter. Zum Glück haben wir unser Gehirn, das die dritte Dimension abstrahieren kann. Adaptiv kann unser Gehirn ein Gebäude durch Linien und wiederholende Elemente wie Fenster im gedachten Raum vervollständigen. Deshalb sind in allen Lehrbüchern zur Architekturfotografie viele Kapitel mit Regeln rund um die perfekte Erfassung und Wiedergabe der dimensionalen und perspektivischen Linienführung eines Gebäudes in Fotos gefüllt.

Ist Dir der letzte Satz zu kompliziert? Genau, mir auch. Spielt doch einfach mit Euren eigenen „Ansichten“ und lernt diese fotografische Disziplin lieber durch Versuch und Irrtum. Erst mit einer gewissen Erfahrung sind solche Sätze und Informationen überhaupt zu kapieren und umzusetzen.

Reale Größen

Es fehlt aber immer noch eine wichtige Information: Die reale Größe. Die Größe ist am besten durch bekannte Elemente im Foto zu erfassen. Beispielhaft kann ein Fenster jede Größe haben, Menschen hingegen nicht. Steht nun ein Mensch im Bild, ist es vielleicht ein fotografisches Ärgernis, kann aber auf die realen Größenverhältnisse hinweisen. Weitere Elemente mit einer guten Größenindikation sind Autos, Bäume und Straßen.

Ohne Dimension

Architekturfotografien ohne Hinweise auf die reale Größe haben ihren ganz eigenen Charme. Losgelöst von bekannten Elementen wirkt eine eng geschnittene Bürohausglasfassade edel und in einer gut gemachten Umsetzung mit Graustufen nochmals eleganter. Sehr schnell hat man da ein sogenanntes Fine-Art-Foto (obwohl es da sehr getrennte Meinungen gibt was ein Fine-Art-Foto ausmacht).

Equipment

Im Grunde ist die Zusammensetzung der fotografischen Ausrüstung für diesen Artikel erst einmal unwichtig. Eine Kamera mit passablen Zoomobjektiv reicht bereits. Ob digital oder analog ist auch nicht wichtig. Digital hat natürlich den großen Vorteil, dass Du viel mehr ausprobieren kannst.
Die Fotos in diesem Artikel habe ich alle mit einer einfachen D-SLR und einem günstigen 28-300mm Reise-Objektiv gemacht. Es hätte aber auch eine Bridgekamera getan oder eine Kleinbildkamera mit Zoomfähigkeit genügt. Ein Weitwinkel hat natürlich Vorteile. Aber ist genug Raum im Spiel gehen auch aneinander gesetzte Einzelfotos. In einem gesonderten Artikel gehen wir aber noch auf die Unterschiede von Weitwinkel und gestitchten Einzelfotos ein.

Stitchen (Panoramafunktion)

Es gibt für das sogenannte „Stitchen“, also das passgenaue Aneinanderreihen von Einzelfotos viele Softwarelösungen. Die meisten Bildbearbeitungsprogramme wie Adobe Photoshop haben dies bereits fest eingebaut. Aber auch viele digitale Kameras bieten heutzutage bereits im Gerät selbst eine solche Möglichkeit. Ihr kennt dies vielleicht von Euren Smartphones. Mit diesen Möglichkeiten haben auch 50mm-Objektive genug Spielraum für interessante Sichtweisen. Mehr zum Stitchen kannst Du auch im fotocommunity-Blog erfahren.

Speedshooting

Ich empfehle immer gerne direkt zu fotografieren. Motto: „Was man hat – hat man“. Nicht lange überlegen; direkt draufhalten und abdrücken, wenn man etwas für sich Schönes gesichtet hat. Digitale Kameras zeigen ja zum Glück auf dem Display direkt an, was man besser machen kann.

Fleisch – eine hilfreiche Regel

Eine hilfreiche Regel möchte ich Dir an die Hand geben: Lasst „Fleisch“ am Foto. Der Begriff „Fleisch“ bedeutet nicht schon im Sucher den fertigen Schnitt festzulegen, sondern noch genug Umfeld mit zu fotografieren. Heutige hochauflösende Digitalkameras bieten genug Spielraum um den letztendlich besten Schnitt erst am Rechner festzulegen. Ist etwas zu knapp fotografiert wird ein späteres Verlängern oder Verbreitern schon eine technisch aufwendige Retusche.

Wetter? Ist egal!

Glaubt mir, das Wetter ist egal für eine solche Herausforderung. Bei meinen Artikelfotos hatte ich beispielsweise extrem harte Mittagssonne. Dieses Wetter habe ich mir nicht für den Artikel ausgesucht, sondern habe das Licht und den blauen Himmel genutzt. Mit tollem Streiflicht eines Sonnenuntergangs oder dem nebeligen Dunst des Morgens ist es natürlich um einiges einfacher ein tolles Foto eines Bauwerkes zu machen. Aber Regen und/oder eine durchgehend graue Suppe am Himmel kann ebenso als Stilmittel genutzt werden. Flächen werden weicher, Schatten kreuzen nicht die architektonischen Linien und spiegelnde Glasflächen haben einen einheitlichen Verlauf.

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1 Kommentar

  1.   Juli 20, 2016 at 1:45 PM
    Kommentar bewerten

    Architekturfotografie ist ein faszinierendes Feld! Ich selbst arbeite als Architekturfotograf in Berlin und finde Ihr Tutorial sehr interessant. Ich nutze zwar Shift Objektive, die die Perspektiv Korrektur erlauben aber natürlich geht das auch in Photoshop in der Postproduktion. Jedem, der Architektur fotografieren möchte, kann ich nur raten: ausprobieren und lernen!

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